Von Sabine Etzold

Die Stimmung im Marx-Engels-Auditorium der Berliner Humboldt-Universität an diesem trüben Winterabend Ende November ist gereizt und explosiv. 200 bis 300 DDR-Wissenschaftler sind hier zusammengekommen, um ihre Empörung abzuladen über einen Vorgang, der in der ehemaligen Bundesrepublik als durchaus normal gilt, den viele Ost-Wissenschaftler jedoch als "einen der größten Skandale der Wissenschaftsgeschichte" empfinden. Es geht um die "Evaluation" – um die Begutachtung und Bewertung der einzelnen Institute der ehemaligen Akademie der Wissenschaften (Ost) durch Delegationen des Wissenschaftsrates (West). Seit Ende September sind solche Evaluierungsgruppen, zusammengesetzt aus Wissenschaftlern und Bürokraten des Bonner Bildungs- und Wissenschaftsministeriums, unterwegs in den Akademie-Instituten. Und dabei hinterlassen sie vielerorts eine Schreckensspur wie weiland die Abgesandten der Heiligen Inquisition auf der Hexenjagd.

So jedenfalls schildern es die Betroffenen im Audimax der Humboldt-Universität. "Überall hat jeder Angst"; "die gucken sich an, was wir für Untermenschen sind", rumort es im Plenum. Solche Panikreaktionen sind verständlich, denn der West-Besuch kann für viele Akademieangehörige bedeuten: die Auflösung ihres Instituts, den Verlust des Arbeitsplatzes und das unwiderrufliche Ende der beruflichen Karriere. Ausgelöst haben diese möglichen Katastrophen Wissenschaftsminister Riesenhuber und sein ehemaliger DDR-Kollege Terpe, als sie Mitte des Jahres gegen den Rat vieler Experten und über die Köpfe der Bundesländer und des Wissenschaftsrats hinweg beschlossen, die Akademie der Wissenschaften aufzulösen. Die Evaluation hatte schon begonnen.

Die AdW, dieser Koloß aus rund fünfzig Instituten und 25 000 Mitarbeitern, darunter 14 250 Wissenschaftler, hat also aufgehört zu existieren. Fast die gesamte Forschung der DDR sowohl im Anwendungs- als auch im Grundlagenbereich war hier monopolisiert; davon sechzig Prozent in Ost-Berlin und der Rest in Sachsen mit einem Gesamtetat von zuletzt 1,3 Milliarden Ostmark. Doch nun ist das schützende Dach über der Gelehrtengesellschaft und den Forschungseinrichtungen abgedeckt. Jetzt muß entschieden werden, ob und, wenn ja, wo die einzelnen Institute zukünftig untergebracht werden können; vor allem, wie das bezahlt wird: innerhalb einer Universität, im Rahmen der Fraunhofer-Gesellschaft, im Schutz der Max-Planck-Gesellschaft oder in der Obhut einer Großforschungseinrichtung. Unbestritten aber ist: Der Personalbestand muß erheblich ausgedünnt werden.

Das zu prüfen ist die Aufgabe der Abgesandten des Wissenschaftsrats. Verläuft die Evaluierung positiv, dann wird die Übernahme des entsprechenden Instituts empfohlen, seine Existenz ist auch nach dem Ablauf der Gnadenfrist am 31. Dezember 1991 gesichert. Die letzte Entscheidung liegt allerdings bei den Ländern. Geht dagegen der Daumen der Evaluateure nach unten, dann wird "abgewickelt", dann wird das Institut sehr wahrscheinlich aufgelöst. Um die dreißig Einrichtungen sind bis dato evaluiert worden, aber das Ergebnis wird erst im Mai bekannt gegeben und, so Dieter Simon, Präsident des Wissenschaftsrats, "die Leute dort kennen nicht einmal das Verfahren".

Selbst hier, in westlichen Landesteilen, wissen ja die wenigsten, daß Evaluierung im Grunde ein ganz normales Instrument ist, um zu überprüfen, ob eine Einrichtung effektiv und (steuer)kostensparend arbeitet. Oder wenn ein Institut ein besonders wertvolles Großgerät anschaffen will, dann tritt der Wissenschaftsrat in Aktion: als unabhängiges, paritätisch mit Politikern und Wissenschaftlern besetztes Gremium, das trotz seines unbestritten großen Einflusses doch nur Empfehlungen geben und keine Entscheidungen treffen kann.

Rein formal weicht auch die Evaluierung der AdW kaum vom üblichen Procedere ab: Vor der "Begehung" wird an jedes Institut ein Fragebogen mit 23 Fragen verschickt. Allerdings sind diesmal einige auf DDR-Besonderheiten zugeschnitten, wie etwa Frage 5: "Wer bestimmt die Schwerpunktsetzung für die wissenschaftlichen Aufgaben des Instituts? In welcher Weise wirken der Direktor, die Mitarbeiter und andere Instanzen bei der Planung, Gestaltung und Bewertung der Arbeit zusammen? Wie sind die Leitungsgremien des Instituts zusammengesetzt?"