Von Egon Bahr

Die Wahrhaftigkeit gebietet, im Rückblick festzuhalten, daß die Einheit nicht aus der Bundesrepublik aufgebrochen ist. Fast niemand war dort ungeduldig oder hat darauf gedrängt, die Illusion oder die Utopie auch nur zum Problem zu befördern. In der westdeutschen Bevölkerung war das Interesse an der DDR-Realität ähnlich gering wie im Politbüro der SED. Ausgegangen ist die Sache von einem Mann, Michail Gorbatschow, der mit unerhörtem Mut die Notwendigkeit, die Zukunft Europas auf die Selbstbestimmung der Völker zu gründen, mit der Konsequenz verband, dieser Grundsatz müsse auch für das deutsche Volk gelten. Das führte zu der Entscheidung, daß die sowjetischen Truppen, anders als am 17. Juni 1953, in ihren Kasernen bleiben würden, und schuf den immer noch nicht risikofreien Raum für das Volk der DDR.

Der kleinere und bedrängte Teil des deutschen Volkes hat den Ausschlag gegeben. Er erzwang die Einheit in Frieden, indem er aufstand und durch nicht mehr aufrichtbare Mauern strömte. Damit zwang er Bonn zur Einführung der D-Mark und erzwang auch die Zustimmung in den vier Hauptstädten, die das so oder so schnell gar nicht gern wollten. Das zustande zu bringen, waren die Westdeutschen nie stark genug. Die Einheit verdankt das Volk Gorbatschow und den Ostdeutschen. Die Westdeutschen sind in der glücklichen Lage, das Geld aufbringen zu können, selbst wenn es nun teurer als nötig durch den dummen Zufall wird, daß die Einheit nicht in der Mitte, sondern am Ende einer Legislaturperiode zu organisieren war.

Die Herolde der deutschen Einheit können noch immer dieselben Fanfaren blasen, die früher weniger der Sache als vielmehr der Beruhigung des eigenen Gewissens und der Beschwichtigung des begründeten Verdachtes der Brüder und Schwestern gegolten haben, man hätte sie vergessen oder drehe ihnen den Rücken zu. Der Aufruf zum Wandel durch Annäherung war schon vor fast dreißig Jahren lästige Ruhestörung. Wer Heuchelei Heuchelei nannte, die Chancen der Deutschen in der Teilung suchen und notfalls das deutsche Selbstbestimmungsrecht über zwei Friedensverträge an die Stelle der uneingelösten Versprechen der Sieger setzen wollte, sah sich dem Verdacht ausgesetzt, er hätte sich mit der Teilung abgefunden. Dabei dokumentierten die Herolde jeden Tag, wie völlig unvorbereitet sie die Einheit getroffen hat. Es gab keine Pläne. Die Schubladen waren leer. Der Haushaltsplan sah die Einheit nicht vor. Die Kosten sind noch immer unschätzbar.

Jetzt haben wir die Probleme, die wir uns immer gewünscht haben. Es ist herrlich. Also blicken wir nach vorn.

Dabei will ich mich nicht mit den wirtschaftlichen Fragen beschäftigen, die zu Recht heute im Vordergrund stehen. Auch wenn die Talsohle noch nicht erreicht ist und die westdeutsche Wirtschaft mehr profitiert als investiert, auf Erholung und Aufschwung dürfen wir hoffen. Die Menschen dürfen warten und erwarten, daß die Pferde zu saufen beginnen, in der zweiten Hälfte des nächsten Jahres.

Sowenig die staatsrechtliche und völkerrechtliche Einheit verkleinert werden darf und kann, so unübersehbar ist, daß die organische Einigung der Menschen jetzt erst beginnt. Die Einheit zu beschließen und die Einheit zu leben sind zwei Dinge. Um es in einem Bild zu sagen: Wir, die Deutschen in Ost und die Deutschen in West, haben uns zusammengefunden, nicht ohne Neigung, zu einer nun unauflöslichen Ehe, spätere Liebe nicht ausgeschlossen. Die Hochzeitsfeier war wirklich schön, aber nun müssen wir uns kennenlernen.