Dann ist es soweit. Alles hat die junge Priesterin im bodenlangen, weißen Kleid, alles hat Iphigenie versucht, das Blutopfer im Dienst der Götter zu vermeiden, den rituellen Mord an zwei jungen Männern, die es aus ihrer aller Heimat Griechenland ans Ufer der skythischen Insel Tauris verschlagen hat. Den einen der beiden Asyl-Suchenden glaubt sie in Sicherheit. Den andern, der ihr lieb ist, muß sie, nach den Gesetzen des barbarischen Königs Thoas, gleich den Göttern opfern.

„Nein, die barbar’sche Pflicht, ich kann sie nicht erfüllen“: Nein, auch dieses Rezitativ ist, wie alle andern, in dieser Aufführung von Christoph Willibald Glucks musikalischem Drama in vier Akten von 1779 als „Tanzoper“ im Opernhaus Wuppertal-Barmen gestrichen. Iphigenie liegt, Gesicht nach unten, auf dem Boden, die Arme ausgestreckt, wie ein ans Kreuz geschlagener Mensch. Nach drei Akten im ausgeschnittenen, weißen Kleid, verbirgt sie nun den Körper in einem hochgeschlossenen, schwarz-zeremoniellen Kaftan. Die dunkle Gestalt liegt neben einer weiß-banalen Familienbadewanne – die plötzlich zum heilig-fremden Gefäß einer Blutpfanne wird.

Dann setzt die Musik aus, und ein kurzes pantomimisches Tanz-Drama beginnt. Da bricht in dem Theater neben der Schwebebahn ein Schweigen aus, das all die Ovationen vorwegnimmt, die ein paar Minuten später, über eine begeisternde Viertelstunde lang, ausbrechen werden. Keine andächtige Stille. Atemloses Bangen auf den Fortgang, auf das Ende der Geschichte, die Pina Bausch seit anderthalb Stunden erzählt.

Die silbern schimmernde Wand, die bisher den Spielraum abgeschlossen hat, ist um 45 Grad gedreht und läuft als hohe, weiße Leinwand aus der Tiefe der Bühne rechts hinten nach links vorn. Die Todesmauer entlang schreitet, mit schmerzender Langsamkeit, eine der jungen, als Priesterinnen im Diana-Tempel dienenden Frauen im hellen Kleid, einen fast den schmalen Körper verdeckenden Strauß weißer Blumen im Arm. Mariko Aoyama legt die Blumen mit feierlicher Trauer auf den braunen Holztisch neben der Wanne.

Trotz der weißen Blumen: kein Augenblick von Heiterkeit, Freude, lieblicher Schönheit, sondern im bedrückenden Schweigen angesichts der fast leeren Bühne ein wachsendes Gefühl von Bangigkeit, das sich zur Angst steigen, wenn nun aus dem Dunkel Orest vor die diagonale, helle Wand tritt, der zum Opfertod erkorene Muttermörder. Der blonde Dominique Mercy, ein zart wirkender Tänzer-Darsteller, gibt sich keine Mühe, die Anstrengung zu verbergen, die es ihm bereitet, eine Leiter von fast vierfacher Menschenlänge senkrecht zu tragen.

Augenblicke von überwältigender Monumentalität und Todesdrohung, gesteigen durch das Schweigen aus dem Orchestergraben.

Orest legt die Leiter wie eine Treppe an den Tisch als Opfer-Altar. Die lange, bange Pause geht zu Ende mit dem Chor der Priesterinnen: „O siehe Göttin, unsere Tränen, / Das Opfer ist geschmückt.“ Noch einmal kommt Mariko Aoyama mit einem einschüchternden Riesen-Strauß weißer Blüten, bedächtig schreitend, die weiße Wand entlang zum Opfer-Tisch und -Becken an die Rampe, nun gefolgt von den anderen Priesterinnen. Die Blumenfrau wird von ihren Gefährtinnen hoch über die Köpfe gehoben und streut Blumen über den auf Blüten gebetteten Mann.