Von Karl-Markus Gauß

Ein Jahr nach Kriegsende, im Juni 1946, wurde unweit von Györ, einer ungarischen Provinzstadt auf halbem Wege zwischen Wien und Budapest, abseits der Landstraße ein Grab freigelegt, in dem sich die Leichen von 22 Menschen befanden – durch Genickschuß getötet. Einer der Ermordeten war Miklós Radnóti, Lyriker von europäischer Bedeutung und unermüdlicher Übersetzer als unübersetzbar geltender europäischer Dichtung ins Ungarische, zum Zeitpunkt seiner Erschießung durch einen Angehörigen der SS eben 35 Jahre alt.

Er und hunderte Leidensgefährten – zumeist ungarische Juden wie er – waren im Herbst 1944 in einem zweimonatigen Hungermarsch aus dem aufgelösten Lager Heidenau bei Bor, einem serbischen KZ der Organisation Todt, über Belgrad und Novi Sad quer durch Ungarn bis herauf nach Györ getrieben worden; dort wurden die nicht mehr marschfähigen der ausgehungerten Häftlinge von der Begleitmannschaft aus dem Elendszug gegriffen und am 9. November 1944 in das selbstgeschaufelte Massengrab geschossen, indes sich ihre Lagergefährten weiter nach Deutschland, neuer Internierung und naher Vernichtung entgegenschleppten.

Das lyrische Lebenswerk des Miklós Radnóti füllt nicht mehr als einen Band von mittlerem Umfang. Und der schönste und ergreifendste Teil davon hatte Platz in der Brusttasche einer Windjacke. In dieser nämlich wurde bei Öffnung des Massengrabes eine Anzahl von Gedichten gefunden, die Radnóti im Lager Heidenau und während des Todesmarsches durch Jugoslawien und Ungarn geschrieben, in seiner Jacke vor Entdeckung verborgen und mit in sein Grab genommen hat.

Gewiß, jede literarische Kritik hätte bei diesen Gedichten zu verstummen, die jenseits ihrer Qualität ein bewegendes Zeugnis für den einsamen Widerstand eines Dichters sind, der am Ort der puren Menschenvernichtung mit dem fortfuhr, was er immer getan hatte: mit dem Schreiben von Gedichten, und dem Alltag aus Mord, Hunger und Entwürdigung buchstäblich bis zum Letzten seine gebändigte, formenstrenge Dichtung entgegenhielt. Literarische Kritik hätte freilich zu unterbleiben, wenn, ja wenn Miklós Radnóti nicht ganz unzweifelhaft als Dichter dort sein Höchstes erreicht hätte, wo die tiefste Entwürdigung der Menschen praktiziert wurde. Ungarische Literaturwissenschaftler und Dichterkollegen bestätigen es ein ums andere Mal: Miklós Radnóti hat seine schönsten Gedichte im Todeslager, auf dem Gewaltmarsch und offensichtlich ohne Hoffnung geschrieben, daß sie jemals zu Lesern gelangen könnten.

Gleichwohl sind es keine skizzenhaften Notate, dunkle lyrische Splitter, die unbesorgt um Verständlichkeit und Formung niedergeschrieben worden wären, weil sie ohnehin nur ihrem Verfasser zugänglich sein mußten, dem sie im täglichen Kampf gegen das Aufgeben zur einzigen Stütze wurden. Nein, Radnótis Gedichte aus dem Todeslager sind keine verzweifelten Kunstübungen, mit denen sich einer die Zeit vor seinem sicheren Ende auszufüllen suchte, es sind auch keine bloßen Dokumente der Verfolgung, sondern bis ins strenge Detail hinein durchformte Kunstwerke, die sich den Verhältnissen, gegen die sie entstanden, auf wundersame, erschreckende Weise entziehen – hat sich Radnóti, dessen Literatur von Anfang an wie umfangen vom Tod war, doch ausgerechnet im Todeslager von seiner thematischen Bindung an Tod und Untergang, von seinem Ton der Bitterkeit und Trauer gelöst. Im Todeslager schreibt Radnóti vom Leben – ohne Bitternis und in durchaus rühmender Absicht.

Der Lyriker Radnóti war wie gefesselt von der Gewalt und der Lockung des Todes, den er in so vielen seiner Gedichte besungen, beschimpft, beschworen hat. Der Tod stand schon an seiner Wiege: Mutter und Zwillingsbruder starben bei der Geburt. Als Kind muß der am 5. Mai 1909 in Budapest geborenen Radnóti, der in der Nähe einer Kaserne aufwuchs, mitansehen, wie ein Deserteur, der nicht für Habsburgs Herrschaft in den Weltkrieg ziehen wollte, hingerichtet wird, eine Zeugenschaft, die noch im Erwachsenen nachbebt; und als er zwölf ist, stirbt ihm auch der Vater: Viele sind gestorben und plötzlich, / und wenn wir zu viel zu Abend gegessen, hören wir / im Traum, wie ihnen noch schallend die Nagel / und zischelnd die Haare wachsen im Grab.