ARD, Sonntag, 9. Dezember:

„Tatort: Bitte Lady

Hauptdarsteller dieses Films ist das Telephon. Es tritt auf in Altweiß, Burgunderrot oder Lackschwarz, es ist schlank, plump oder schräg, durchsichtig und von innen bunt beleuchtet, es piept, kreischt und jodelt, es posiert in Zellen, Autos und Agenturen, es wird ans Herz gepreßt, allein gelassen und zertrümmert und ist dabei immerzu unheimlich sexy. Der Thriller von Hans-Christoph Blumenberg spielt nämlich, wie meine Programmzeitschrift weiß, „im Telephonsex-Milieu“.

Dort ist bis hin zum Mord alles möglich. Selbst Kommissar Palu (Jochen Senf) nimmt den Hörer ab und sagt: „Telephonsex, Max, was kann ich für dich tun?“ Und er telephoniert in Unterhose mit einer sogenannten Ursula! „Sex-Monster“ werden in Herreiboutiquen und an Tankstellen aufgestört, aber die Kerls haben Alibis. Der verdächtige Rainer Seifert (Konstantin Wecker) besitzt ein besonders schrilles Telephon und einen sogenannten Anrufbeantworter, der ihm aber zu nicht mehr verhilft, als daß seine Feinde und Gläubiger Drohungen draufsprechen. Der ebenfalls verdächtige Alex Glaser (Udo Schenk) ist gar nicht gut auf Telephone zu sprechen und demoliert sie, wo er sie findet. Nicht jeder Mensch verträgt diesen geballten Sex, und Alex ist ein Künstler, also sensibel. Der Typ mit dem schwarzen Telephon, ein gewisser Dr. Wagner (Matthias Fuchs) ist dann der Mörder, aber im Grunde war es eher ein Unglücksfall. Das Opfer stürzte – wahrscheinlich auf sein Telephon.

Es mag ja sein, daß Telephonsex eine ganz besonders dämonische Angelegenheit ist, aber „das Milieu“, repräsentiert durch eine gewisse gestreifte Frau Neureiter, wirkte eher bürotechnisch-nüchtern. Und daß der Doktor wirklich wegen Sex mit einem Telephon erpreßbar geworden sein sollte, wirkte nicht recht glaubhaft. Welche Klinikleitung ist so intolerant und verweigert einem verdienten Arzt wegen so einer harmlosen Perversion den Aufstieg? Des Doktors wirkliches Unglück ist nicht sein Telephon, sondern seine Frau (Gabriele Krestan), eine Lady Macbeth, die ihren Mann mit Sätzen quälte wie: „Ich habe dich mit den entscheidenden Leuten zusammengebracht“ und kein Verständnis für sein Innenleben aufbringt. „Dafür gibt’s Psychiater.“ Aber ihr kann niemand was nachweisen, und so kommt die wahre Schuldige davon.

Alle werden schuldig in diesem harten Film. Sogar Palus dicker Kollege gesteht dem Kommissar am Telephon, daß er mal was mit einem Telephon hatte! Aber Palu kann schweigen. Ihn sieht man übrigens zu Beginn des Films, wie er in einer Art Loggia im Liegestuhl schlummert, neben ihm sein Telephon. Das wimmert plötzlich. Palu wird wach – und erblickt durch die Fensterscheibe des Nachbarhauses eine nackte Frau, die sich gerade reckt und rekelt und ziemlich lange braucht, bis sie sich entschließt, zu überlegen, ob sie ihren Bademantel anziehen soll. Palu guckt ihr fasziniert zu, derweil ständig das Telephon neben ihm zirpt, quiekt, jault, ächzt. Schließlich nimmt er ab, und es ist niemand dran. Das kommt davon. Telephone haben es nicht gern, wenn man sie als zweite Wahl behandelt, schon gar nicht beim Thema Sex. Barbara Sichtermann