Von Wolfgang Voigt

Die Mauer ist gefallen, das vereinigte Berlin wird, so oder so, deutsche Hauptstadt werden. Und genau dieses plötzlich aktuell gewordene Thema ist Gegenstand einer Ausstellung, mit der die Berlinische Galerie es da wieder aufnimmt, wo es noch einmal dem ganzen Berlin gegolten hatte. Das war im Winter 1957/58, als die Bundesregierung und der Westberliner Senat die europäischen Architekten zum Ideenwettbewerb „Hauptstadt Berlin“ einluden.

Unter den Wettbewerben dieses Jahrhunderts war es vermutlich der politisch delikateste und an den äußeren Bedingungen gemessen der irrealste. Die geteilte Stadt lag damals im Brennpunkt des Ost-West-Konflikts; die politische Insel West-Berlin diente dem Westen als „Frontstadt der Demokratie“ gegen den sowjetisch beherrschten Ostblock. Und nur unter dieser Voraussetzung ist der eigenartige Wettbewerb überhaupt zu verstehen, der die Hauptstadt eines wiedervereinigten Deutschlands zu einer Zeit imaginierte, als an ein Verschwinden des Eisernen Vorhangs nicht zu denken war. Das Wettbewerbsgebiet – die historische Berliner City zwischen dem Tiergarten im Westen und dem Alexanderplatz im Osten – lag im östlichen Teil der Stadt, und dort gab es bereits eine real existierende Hauptstadt, wenn auch eine, die die Bundesrepublik nicht anerkannte.

Das Wettbewerbsgebiet befand sich also außerhalb der Grenzen des auslobenden Staates, stand also gar nicht wirklich zur Verfügung. Das ist wohl einmalig in der Geschichte. Es wäre etwa so, als würde die PLO einen internationalen Wettbewerb ausschreiben, um einen Bebauungsplan für Jerusalem als Hauptstadt Palästinas entwerfen zu lassen. Doch die 151 Teilnehmer ließen sich ebensowenig wie das mit Bedacht ausgewählte internationale Preisgericht (darin unter anderen Alvar Aalto, Otto Bartning, Cornelis van Eesteren, Werner Hebebrand, Rudolf Hillebrecht, Pierre Vago und Walter Gropius) von politischen Zweifeln irritieren.

Entwürfe für neue Hauptstädte sind seltene Jahrhundertaufgaben, die auch nur ausnahmsweise international ausgeschrieben werden. Vorläufer von „Hauptstadt Berlin“ waren die unter großer Anteilnahme des Auslandes veranstalteten Wettbewerbe für Canberra und Brasilia in den Jahren 1912 und 1956. Während Brasilia mitten in den Urwald geplant wurde, sollte in Berlin eine neue Hauptstadt auf dem Gelände einer kriegszerstörten City entwickelt werden. An eine Verwirklichung (und entsprechende Planungsaufträge) glaubte indessen niemand. So nutzten viele Teilnehmer die Aufmerksamkeit der internationalen Szene, die ihnen sicher war, für eine wirkungsvolle Präsentation von Idealkonzepten, von denen einige, wie Carola Hein im Katalog nachweist, zu Vorbildern für die Stadtplanung der sechziger Jahre wurden. Viele der damals entstandenen Entwürfe, die zum Teil als verschollen galten, konnte sie im In- und Ausland aufspüren.

Die intelligentesten Entwürfe kamen damals von jungen Ausländern, die sich die Hauptstadt der Zukunft in Gestalt einprägsamer Makrostrukturen vorstellten. Alison und Peter Smithson aus London überbauten das vorhandene Berliner Straßenraster mit einer aus amorphen, „wachsenden“ Flächen gebildeten Ebene für Fußgänger. Zur Abgrenzung der neuen City nach außen diente eine „chinesische Mauer“ in Gestalt einer um das Zentrum gezogenen Reihe gekurvter, hundert Meter hoher Hochhausbänder. Eine Gruppe junger Pariser Architekten um Marion Tournon-Branly entwarf eine kompakte „Akropolis“ in strengen Formen. Auf einer quadratischen Plattform von fünfzehn Meter Höhe und anderthalb Kilometer Seitenlänge sollte sich eine aus Scheiben und Türmen gebildete Hochhausstadt erheben.

Mit den damals noch heilig gehaltenen Dogmen der Funktionentrennung und Auflockerung hatte das nicht mehr viel zu tun. Die Idee der hochverdichteten Akropolis-Plattform wurde wenig später, allerdings von anderen Architekten, im Zentrum von La Defense bei Paris realisiert. Die bei „Hauptstadt Berlin“ mit radikalem Pathos präsentierten Großstrukturen beinflußten allerdings auch die weit weniger ansehnlichen Zentren und Großsiedlungen der sechziger und frühen siebziger Jahre, die uns heute eher frösteln lassen.