Aus guten Gründen erleichtert, denn die „Schicksalswahl“ liegt immerhin schon Lichtjahre hinter mir, schlendere ich weihnachtlich gestimmt durch die Stadt. Plötzlich vernehme ich aus einem Haus markerschütternde Schreie. Ich stürme in den Eingang und frage einen Mann: „Mein Gott, was ist denn hier los?“ Er winkt ab: „Nichts besonderes, da machen nur ein paar Falschwähler vom 2. Dezember ihrem Herzen Luft. Ich heiße übrigens Fred.“

„Wo bin ich hier überhaupt?“ frage ich weiter. „Im ‚Haus der Reue‘. Dies hier ist eine Zufluchtsstätte für psychisch angeknackste Wähler, die eine unwiderrufliche Fehl-Wahl getroffen haben und darunter leiden.“

„Wem steht Ihr Haus offen?“ – Jedem Wähler, der sich ohne Ansehen der Person unserer Selbsthilfegruppe anschließen und sich therapieren lassen will. Kommen Sie mal mit!“ fordert er mich auf und nimmt meinen Arm.

Ich erkundige mich: „Welches sind Ihre schwersten Fälle?“ Er öffnet die Tür zu einem Raum, aus dem Jammern und Wehklagen zu hören sind. „Solche wie diese hier.“ Die hier versammelten Menschen wirken tatsächlich sehr verstört. „Es handelt sich um lauter Nichtwähler, welche die Wahl entweder verschlafen, den Wahlsonntag verwechselt haben oder davon ausgingen, ihre Partei würde auch ohne ihre Stimme gut abschneiden.“ Wir passieren einen Mann mit irrem Blick. „Dieser arme Teufel hat sogar versucht, seinen Stimmzettel aus der Wahlurne zurückzuangeln.“

Eine Frau zupft Fred mit verzerrtem Gesicht am Ärmel: „Wo kann ich meine Leihstimme für die FDP zurückbekommen, die sie gar nicht gebraucht hat, und wie kann ich sie der CSU zurückgeben?“

Im nächsten Raum befinden sich lauter reuige Daffke-Wähler, die ihrer Partei nur mal per Stimmzettel einen Denkzettel verpassen wollten. „Natürlich stammen fast alle aus dem linken Lager. Da drüben leidet ein SPD-Wähler darunter, wegen Genscher eine Stimme an die FDP verschenkt zu haben. – Der Typ neben ihm, der so trostlos mit dem Kopf wackelt, vergibt es sich nicht, seine Stimme den Grünen geopfert zu haben. Und die Grüne gegenüber kann es nicht verwinden, daß sie nicht doch die SPD gewählt hat. Und der Typ rechts, dem die Tränen nur so über die Wangen kullern, vermag es einfach nicht zu fassen, daß ihm in der Wahlkabine die Hand ausrutschte und er deswegen zwei Stimmen an die PDS verschenkt hat...“

„Suchen auch reuige CDU-Wähler im ‚Haus der Reue‘ Heilung?“ Fred zeigt auf einen Mann, der mit leerem Blick auf dem Boden sitzt: „Meinen Job in Halle habe ich an den Fortschritt verloren, mein schönes Haus an einen Alteigentumsgeier und meine einzige Stimme an die CDU ...“