Von Claus Offe

Ohne die parallelen Vorgänge in der Sowjetunion und in Ost-Mitteleuropa wäre die Umwälzung in der DDR nicht denkbar gewesen. Und doch unterscheidet sich das, was in der DDR geschah, durch ein herausragendes Merkmal: Im Namen der nationalen Einheit ging ein Staat unter. Überall sonst blieb entweder der jeweilige Staat (nach Territorium und Staatsvolk) mit sich identisch (wie zum Beispiel in Ungarn), oder es bildeten sich neue Nationalstaaten (wie in den baltischen Republiken). Der Sonderweg der DDR lag darin, daß hier ein bestehender und anerkannter Staat im revolutionären Prozeß verschwand und Teil eines anderen Staates wurde. Nicht Kontinuität oder Spaltung, sondern die nationale Fusion war der deutsche Weg der gesellschaftlichen und politischen Erneuerung.

Man könnte diese Besonderheit damit erklären, daß sich hier bloß die historische Normallage eines einheitlichen deutschen Nationalstaates wiederhergestellt habe. Freilich fragt sich, wieviel historisches Gewicht für die 74 Jahre einer angeblichen "Normalität" (und ihrer monströsen Resultate) gegenüber den 45 Jahren eines vermeintlichen "Ausnahmezustandes" wirklich reklamiert werden kann. Kein Zweifel: Hier ist nicht ein Pendel, wie eine "Natur der Sache" es vorschreibt, in die vertikale Ruhelage zurückgekehrt; der jahrzehntelang gepflegte Ausdruck "Wiedervereinigung" ist ja auch heute in der öffentlichen Sprache symptomatisch ungebräuchlich. Nicht eine überwältigende geschichtliche Selbstverständlichkeit erzwang die nationale Fusion, sondern diese war Ergebnis einer ganz gegenwärtigen politischen Strategiewahl.

Von einer "Strategie" spricht man, wenn sich Urheber, Interessen, kalkulierte Folgen und Alternativen eines Handlungsablaufs angeben lassen. Die Strategie der nationalen Fusion resultierte aus einem Bündel von Akteuren und Interessen, die sich auf das Ziel einer nationalen Einheit der Deutschen leicht einigen konnten und diesen Konvergenzpunkt ihrer Interessen dann mit nationalen Hilfsargumenten und Rechtfertigungen nur ausschmückten. So entstand ein eigentümlich artifizieller, von strategischen Eliten ins Leben gerufener und taktisch eingesetzter Nationalismus, der weder hüben noch drüben von einem verbreiteten Nationalgefühl, einem Konsens über den Eigenwert nationaler Einheit unterfüttert war.

Der taktische Gebrauchswert nationaler Motive erschloß sich zunächst für große Teile der DDR-Bevölkerung in ihrem Verhältnis zur reichen Bundesrepublik. Die Parole "Wir sind ein Volk!", die bald die demokratisch-revolutionäre Maxime "Wir sind das Volk!" übertönte, war von der Absicht inspiriert, der dringend benötigten wirtschaftlichen Hilfeleistung seitens der Bundesrepublik verpflichtenden Sinn zu geben.

Das Muster eines taktisch kalkulierten Nationalismus bewährte sich umgekehrt auch im Verhältnis der Bundesrepublik zur DDR: Nur wenn die westdeutschen Steuerzahler dazu gebracht werden können, angesichts der entstehenden deutschen Einheit Gefühle nationalen "Glücks" (H. Kohl) zu empfinden, sind ihnen die massiven Opfer politisch gefahrlos zuzumuten, die sie für die rasche wirtschaftliche Sanierung der DDR-Ökonomie allemal aufbringen müssen. Die Bereitschaft der westdeutschen Bevölkerung zur Übernahme solcher Verbindlichkeiten hätte zudem dann erheblich nachgelassen, wenn die Kontrolle der nach Osten fließenden Ressourcen nicht alsbald in die Hände einer einheitlichen nationalen, das heißt einer westdeutsch dominierten Regierung übergegangen wäre.

Schließlich hat sich der funktionalisierte Nationalismus als ein Instrument empfohlen und bewährt, das in den Verhandlungen der beiden deutschen Staaten mit den Alliierten des Zweiten Weltkriegs eingesetzt werden konnte: Ihnen gegenüber wurde das unbedingte Recht der Deutschen auf nationalstaatliche Einheit und Souveränität als ein so begehrenswertes Gut reklamiert, daß sie dessen Gewährung nicht ohne eigenes Risiko versagen konnten.