Von Fritz J. Raddatz

Als ich ihn kennenlernte, war er ein schmaler, schüchtern-linkischer Jüngling von zwanzig Jahren; mit etwas aufgesetzter Chuzpe legte er der Herausgeberin einer neuen Lyrikreihe in Ost-Berlin und deren Assistenten namens Raddatz ein Gedicht-Manuskript vor. Da war Horst Bienek bereits "Meisterschüler" Bertolt Brechts – und wenige Monate später, im November 1951, verschwand er. NKWD-Beamte hatten den mit harmlosen Flugblättern Aufmüpfenden verhaftet, ihn vor ein sowjetisches Tribunal geschleift, von dem er wegen "antisowjetischer Hetze" zu fünfundzwanzig Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Horst Bienek wurde Zwangsarbeiter in den Bergwerken bei Workuta. Von einem Protest – etwa seines "Lehrers" Brecht – ist nichts bekannt. Nach vier Jahren, fürs Leben gezeichnet, kam er im Zuge der Adenauerschen Kriegsgefangenen-Regelung durch eine "begleitende Amnestie" frei. Seitdem lebte er als Redakteur, Lektor, Funkautor und schließlich – vor allem mit seinen in zehn Jahren zur Gleiwitzer Tetralogie sich fügenden vier Schlesien-Romanen – weithin anerkannter Schriftsteller in Westdeutschland.

Hier war er heimisch geworden. Heimat hatte Bienek hier nicht gefunden. Wie Günter Grass Danzig oder Siegfried Lenz die Masuren, so bannte auf vielfältige Weise Horst Bienek das unweit Auschwitz gelegene schlesische Gleiwitz, wo er 1930 als Sohn einer polnischen Mutter und eines deutschen Eisenbahners geboren wurde: "Diese Provinz war eine Zank-Provinz zwischen den Polen, den Deutschen, den Böhmen und Mähren. Das war wie in Irland heute oder vorgestern. Da gab es Aufstände, Attentate und Abstimmungen – und wie das immer so ist, wenn man sich mit Abstimmungen nicht einigen kann, dann wird ein Land geteilt: Oberschlesien wurde 1921 geteilt. Es hat eine dramatische Geschichte, und die Dichter – das ist das Schöne – waren eigentlich immer dabei. Ich fühle mich als letzter Kronzeuge dieser Geschichte, einer verlorenen Provinz, die nie mehr so sein wird, wie sie einmal war. Die Gemeinschaft zwischen Preußen und Polen, Juden und Böhmen, die damals noch bis 1938 gehalten hat, ist vergangen und kann nicht wiederkehren."

Die immer von Trauer verschattete Schönheit der Arbeit Horst Bieneks hat hier ihre Wurzeln: zum einen das präzise Heraufbeschwören der Kindheit – damit einer versunkenen Welt; zum anderen das Bewahren eben dieser Welt, damit sie wenigstens aus dem Gedächtnis nicht versinkt. Selbst in kleineren journalistischen Arbeiten gelangen Bienek unvergeßliche Bilder vom Glück: "Ich weiß nicht mehr, in welchem Jahr es gewesen ist. Ich weiß nur, es war der Sommer der Königskerze. Niemals zuvor hat die Königskerze so geblüht und geduftet und gewuchert wie in diesem Sommer. Früher wuchs sie am Bahndamm entlang, umkränzte sie die Schutthalden der Königin-Luise-Grube, säumte sie aufrecht und goldblühend die langen Chausseen. Wir pflückten die Blüten und sammelten sie in weißen Leinenbeuteln, und Mamuschka trocknete sie auf dem Kuchenblech."

Die vier Gleiwitz-Romane ("Die erste Polka", 1975; "Septemberlicht", 1977; "Zeit ohne Glocken", 1979; "Erde und Feuer", 1982) kartographieren eine Landschaft und fixieren damit ein Stück deutscher Geschichte – die so wiederum nicht war. Das ist Bieneks Kunst: Er hat nicht die Realität beschrieben, sondern seine Wirklichkeit geschrieben; nur dadurch wurde es Literatur – wie es zum Beispiel der schwedische Kritiker Ingmar Björksten präzisierte: "Ich weiß immer noch nicht, wo dieses Oberschlesien wirklich ist, aber nach der Lektüre der ‚Polka‘ finde ich mich indiesem Land und unter seinen Menschen zurecht wie in Yoknapatawpha County bei Faulkner. Einfach fantastitschnek, wie Josef gesagt haben würde."

Bienek war sich des Komplizierten dieses Verfahrens stets bewußt, des Trügerischen von Erinnerung und des Unzuverlässigen der Fakten. Er ist dem in einigen meisterlichen Essays nachgegangen: ob denn das nun "Heimat" sei – die Pappeln und Birken, das Licht und der Geruch; oder ob es Kindheit war, also etwas aus der Tiefe Heraufgeholtes, nicht mehr zu trennen von den Jahrzehnten der Erfahrung, die sich dazwischengeschoben haben: "Der kleine Junge, der ich einmal war. – Nichts erinnert mich so sehr, so intensiv und so ausdauernd an Schlesien wie die Birkenwälder. Und je weiter ich fahre und je mehr Birken mich begleiten und je höher ich sie wachsen sehe, um so mehr fühle ich mich zu Hause. Nein, ich weiß nicht, ob ich das mit ,zu Haus‘ bezeichnen kann. Ich weiß nicht, ob das Heimat ist. Es ist Kindheit, das vor allem. [...] Das Land der Kindheit, das einem lange verschlossen war, kann man nicht einfach besuchen wie die Länder des Erwachsenseins. Nein, das sind keine Bilder der Harmonie; die macht sich erst die Distanz zurecht, ja, die entstehen erst mit der Zeit, mit der wachsenden Entfernung von Zeit. Ich sehe jetzt mit den Augen von heute. Aber, natürlich, auch mit den Augen eines Kindes. Da hat sich vieles hineingemischt, ist immer noch dabei, meine Sicht zu verändern. Erfindung, Phantasie, Einbildung."

Ich mochte es immer besonders gerne, wenn Bienek so erzählte (so schrieb) – eine seltene Mischung aus raffiniert-gebildetem Intellektuellen, dessen Gedichte Ezra Pound oder der Bachmann galten, und sentimentalem "östlichem" Märchenerzähler; ob bei Schriftsteller-Kongressen qua Referat, in einer New Yorker Bar unter den Wolken des Zigarettenrauchs oder im ausformulierten Interview: "Mit dem Kopf, mit der Ratio bin ich im Westen, bin ich Cartesianer – aber meine Seele hat eine irgendwie slawische Wurzel. Ich habe niemals diese slawischen Bindungen, auch Untergründe, geleugnet." Diese Ambivalenz von Mythos und Aufklärung, "von dumpfem Glauben und hellem Protest" (wie er diese Deutschen aus dem Osten einmal definierte) gab dem Menschen Horst Bienek eine eigene Prägung und seiner Literatur ihre besondere Dimension. Sein wohl längstes Gedicht heißt (und endet mit diesen zwei Worten): "Flucht, vergeblich".