„Eine Meinung ist für einen Erzähler ein Kurzschluß. Wenn du allein bist, brauchst du keine Meinungen.“

„Erst wenn man sich selbst zum Verstummen gebracht hat, hören auch die anderen auf.“

Über Deutschland reden – und die Folgen: Warum einer keine Lust mehr hat, am Streit der Meinungen teilzunehmen

Siebenundzwanzigster März. Von einer Reise ist man noch nicht zurück, wenn man wieder zu Hause angekommen ist. Man ist nicht schon allein, wenn man die Tür hinter sich zugemacht hat. So viele Tage man unterwegs war, so viele Tage muß man in seinem Zimmer absitzen, bis man wieder allein ist und versuchen kann, etwas anzufangen mit sich.

Was auf der Reise passierte, wird gern zum Gespenst. Am hartnäckigsten wird man verfolgt von den Sätzen, die man da und dort selber gesagt hat. Am Achtzehnten war die Diskussion. In Berlin. Über Deutschland natürlich. In Gedanken sind längst alle Sätze, die ich dort gesagt habe, durch solche ersetzt worden, die ich lieber gesagt hätte, die mir aber dort nicht eingefallen sind. Die Diskussion geht weiter, auch wenn alle Sätze schon ausgetauscht sind. Auch die neu ins Feld geschickten Sätze erweisen sich als nicht haltbar. Wenn man glaubt, man habe sich zum Verstummen gebracht, kommt ein Aufsatz ins Haus, genau gerichtet gegen das, was man gesagt oder gar geschrieben hat.

Sogar beim Rasieren macht man jetzt Fehler, weil das neu angefachte Diskussionsgeflacker einen nicht zu sich selbst kommen läßt. Das sogenannte Bewußtsein ist nur noch ein Tummelplatz für Meinungen. Die zeichnen sich aus durch Grellheit und Nichthergebetenheit. Lästig, laut, gräßlich. Beherrschend eben. Die Bäume vor dem Fenster, sonst ein unerschöpfliches Gegenüber, jetzt nur noch tote Graphik. Falls die Sonne die dünnste Stelle der Morgendunstdecke sucht, ich warte nicht auf sie. Singen Vögel? Ist es vielleicht Frühling? Keine Ahnung.

Von innen her blind. Vom Meinungsgestöber anästhesiert. Meinungsstreit herrscht. Hinaus, Meinungspack, möchte man rufen. Aber ich habe hier nichts zu sagen. Aber ich muß hier etwas zu sagen haben. Es ist mein Bewußtsein. Meine Arbeit. Seit fast zwei Jahren Tag und Nacht mein Milieu und Horizont. Mein Element. Und jetzt kein Zutritt mehr? Meute von Meinungswegelagerern. Eine Meinung ist für einen Erzähler ein Kurzschluß. Wenn du allein bist, brauchst du keine Meinungen. Erst wenn du die Meinungen loswirst, bist du allein. Auf einem sprachlichen Genauigkeitsgrad beharren, dem Meinungen nicht gewachsen sind! Kann sein, die Sätze reichen dann nicht mehr um den halben Globus und machen kein Tausendstel des Lärms, den jede mittlere Meinung durch ihr Auftrumpfenmüssen verbreitet. Soviel Donner, ohne daß es geblitzt hat. Das Bild trügt. Gegen Donner kann man sich schützen, gegen Meinungen nicht. Wenn man sie wahrnimmt, sind sie schon drin in einem Man ist im Gespräch mit ihnen, im Streit.