Von Viola Roggenkamp

Ein Herr betritt das Geschäft. Dunkelblauer Mantel, Bauch, kleines Aktenköfferchen, graue Schläfen. Die Hosen im selben Grau schlappen etwas auf die Schuhe. „Kann ich Ihnen helfen? Darf ich Sie beraten?“ segelt mit maliziösem Lächeln eine Verkäuferin in weißem Kittel auf ihn zu. Es scheint, als habe er in der Tat Hilfe nötig. Der Herr, dem gewiß eine Sekretärin und zwei bis drei Sachbearbeiter im Büro aufs Wort folgen, steht hier scheu und schüchtern in der Mitte der Parfümerie und starrt auf die zahllosen Flaschen und Fläschchen, Tiegel und Tiegelchen, Tuben und Tübchen, Dosen und Döschen, die sich in dunklen Regalen die Wände hochstapeln.

„Ja. Ich. Nein. Das heißt, doch. Ich brauche ein Parfüm“, haspelt es aus ihm heraus. Die Verkäuferin weiß ganz genau, was er braucht, aber sie tut so, als habe er eben eine überraschende Neuigkeit von sich gegeben. Selbstverständlich will das alternde Dickerchen ein Parfüm, denkt sie. Entweder für seine Frau oder für seine Sekretärin oder für seine Geliebte oder für alle drei. Jedes Jahr dasselbe: die Liebesgabe in letzter Minute – ein Parfüm. Sie zieht die Mundwinkel noch ein wenig höher und öffnet die karmesinroten Lippen. Weiße Perlenzähne strahlen. Das Make-up ist ihre Berufskleidung. „Darf es ein neuer Duft sein, oder hatten Sie an einen bestimmten Duft gedacht?“

Er braucht ein Weihnachtsgeschenk, Himmeldonnerwetternocheinmal, und das schnell! Die Zeit drängt. Die Tage vergehen ja wie im Fluge bis zum Vierundzwanzigsten. „Ich weiß nicht“, sagt er verlegen und macht ein mürrisches Gesicht. Umgeben von unzähligen verschiedenen Salben, Tinkturen, Düften, Cremes, Stiften, Lacken, Essenzen, ist ihm wie an einer besonderen Kultstätte, von der er jeden Augenblick vertrieben werden kann. Hier Inventur machen müssen. Ihm graust. Das bringt ihn immerhin in die Realität zurück. Die Tempeldienerin vor ihm verwandelt sich wieder in eine Verkäuferin. Was hatte sie gerade gesagt? „Darf ich Sie an unsere Duft-Theke bitten?“ Er geht beherzt mit. Eine Dame kommt herein, läßt einen längeren französischen Namen aus dem Munde perlen, bekommt ein kleines Fläschchen, zahlt dafür mit einem großen Schein und wendet sich zur Tür. So schnell kann das gehen. Er steht vor einem doppelstöckigen Teewagen, auf dem sich an die sechzig Flaschen drängen. Kein Whisky, kein Cognac, kein Gin, sondern Eau de Toilette, Eau de Parfüm, Eau de Cologne. Flaschen, schlank und eckig wie amerikanische Wolkenkratzer der zwanziger Jahre, nur eben sehr viel kleiner. Flaschen wie Kugeln, Flaschen wie steinerne Blüten, Flaschen aus Glas und in allen Farben, weiß wie Schnee, rot wie Blut, schwarz wie Ebenholz.

„Für eine ältere oder eine jüngere Dame?“ – „Für meine Frau“, sagt er. „Trägt Ihre Gattin schwerere oder leichtere Duftnoten?“ – „Nicht so süß.“ – „Wir haben hier“, holt sie schwungvoll aus und ergreift eine Flasche, „etwas von temperamentvoller Frische, bestimmt durch fruchtiges Cassis, aber doch in der Nachwirkung feminin.“ Pffft macht sie, und schon hat er den Duft auf seinem sommersprossigen, etwas fetten Händchen. Er schnuppert, macht eine Miene wie bei der Weinprobe und sagt artig: „Interessant. Bleibt das so stark?“ Witternd kräuselt sich seine Nase.

Der Geruchssinn ist der bei Mann und Frau am wenigsten gut ausgebildete, und dennoch macht die Kosmetikindustrie gute Geschäfte mit ihm. 1,17 Milliarden Mark wurden 1989 mit rund 580 verschiedenen Duftnoten in der Bundesrepublik umgesetzt.