Es gibt Dinge im Leben, die einen auf merkwürdige Art beruhigen. Dazu zählen unter anderem die Bücher von Patricia Highsmith. Sie handeln von Mord und Totschlag, menschlichen Abgründen und Gemeinheiten aller Art, und auf eines kann man stets wetten: daß das Böse unausweichlich sein Haupt reckt und am Ende grinsend triumphiert. So haben wir es gern.

Von einer Schriftstellerin, die kurz vor ihrem siebzigsten Geburtstag steht, erwartet niemand, daß sie noch das literarische Fach wechselt. Warum auch? Wo Highsmith draufsteht, da ist Highsmith drin. Vor über vierzig Jahren hat sie ihr erstes Buch veröffentlicht; „Zwei Fremde im Zug“ hieß es und wurde umgehend von Alfred Hitchcock verfilmt. An die dreißig Romane und Erzählungsbände folgten und haben ihr den Titel „Thriller-Autorin“ verschafft.

Dabei wäre es, wie sich jetzt herausstellt, beinahe ganz anders gekommen. Ende 1948 – ihr erstes Werk war noch nicht auf dem Markt – arbeitete die damals knapp Dreißigjährige für zweieinhalb Wochen als Verkäuferin in der Puppenabteilung eines New Yorker Warenhauses. Mitten im dicksten Verkaufsgewühl erschien eine strahlend blonde Kundin im Nerzmantel – für Patricia Highsmith eine umwerfende Erscheinung: „Ich fühlte mich merkwürdig benommen, wie knapp vor einer Ohnmacht, zugleich aber auch erhoben, so als hätte ich eine Vision gehabt.“ Die Frau zahlte und verschwand. Noch am gleichen Abend schrieb Patricia Highsmith wie im Fieber um diese Person herum eine vollständige Romanhandlung. Tatsächlich schrieb sie nicht nur „wie im Fieber“, sondern hatte sich unbemerkt die Windpocken eingehandelt, eine Krankheit, die durchaus phantasieanregend wirken kann.

Es war die Geschichte einer lesbischen Liebe. Die junge Bühnenbildnerin Therese Belivet verliebt sich in die ältere, gutsituierte Carol Aird, weiß erst nicht recht, wie ihr geschieht, verläßt dann ihren zudringlichen Freund und begibt sich mit der Angebeteten auf eine Flitterwochenreise quer durch die Vereinigten Staaten. Wie sie füreinander schwärmen, wie sie sich gegenseitig entdecken – das ist bis dahin von einer zarten Empfindlichkeit, man ist versucht zu sagen: wie aus dem Poesiealbum. Doch besinnt sich die Autorin auf das Unheil, das hinter jedem Glück lauert: Carols eifersüchtiger Ehemann jagt einen Detektiv hinter den beiden her. Das Pärchen wird getrennt, Carol verliert das Sorgerecht für ihre Tochter, Therese stürzt sich in die Verzweiflung, und so weit hat im prüden Klima der amerikanischen Fünfziger alles seine Richtigkeit. Homosexuelle mußten damals, wenn sie denn schon Eingang in die Literatur fanden, für ihre Neigungen bezahlen, mußten, wie Patricia Highsmith im Nachwort zur Neuauflage des Buches schreibt, „büßen, indem sie sich die Pulsadern aufschnitten, sich in einem Swimmingpool ertränkten oder indem sie zu heterosexuellen Beziehungen ‚überwechselten‘ oder allein, elend und gemieden, in qualvolle Depressionen verfielen“.

Nicht so bei Highsmith. Am Ende wird alles gut. Ihrem Verlag gefiel das überhaupt nicht. So erschien der „Roman einer ungewöhnlichen Liebe“ unter dem Pseudonym Claire Morgan. Er wurde ein Millionenerfolg. Hunderte von Leserinnen und Lesern schrieben Briefe. Das Buch sprach ihnen aus der Seele. Hätte es damals schon eine engagierte Frauenbewegung gegeben – gut möglich, daß heute nicht von der „Suspense-Schreiberin“ Patricia Highsmith die Rede wäre, sondern von der „feministischen Schreiberin“.

Jörg Albrecht

  • Patricia Highsmith: