Tränen. Fassungslosigkeit. Lähmung. Entsetzen. Für die Grünen war der Wahlabend ein Schock. Mit allem hatte man gerechnet. Damit nicht.

Nur 4 8 Prozent, keine westdeutschen Grünen mehr im Bundestag - es wird noch ein paar Tage oder Wochen dauern, bis alle im Land begriffen haben, was da am 2. Dezember 1990 eigentlich geschehen ist: Ein Stück Bundesrepublik der achtziger Jahre ist verschwunden.

Die Grünen wollten die Zukunft sein. Nun sind sie Vergangenheit. Sie wollten die Welt vor Katastrophen jeder Art behüten. Nun sind sie selbst in den Abgrund gefallen.

Donnerstag, 6. Dezember. Nikolaustag. Betriebsversammlung der Bundestags Grünen. Vorn am Konferenztisch sitzt ein Mann mit einem A auf der Brust. Bernd Kümhof ist kein Anarchist. Er ist vom Arbeitsamt.

"Kommen Sie am 19. Dezember zu uns", bittet er die 266 Mitarbeiter der Fraktion, die zum Ende der Legislaturperiode völlig unerwartet ihre Stellen verlieren "Alles wird vorbereitet sein, die Flure sind dann für Sie vom restlichen Publikum gesäubert. Suchen Sie das Hinweisschild Aktion 90. Wir halten das ganz neutral, damit man nicht gleich erkennt, um wen es geht. Vergessen Sie bitte nicht, Ihr Arbeitszeugnis, Ihre Rentenversicherungsnummer und einen Kugelschreiber mitzubringen. Falls Sie später kommen, müssen Sie sich in unser ganz normales Organisationsgefüge einreihen "

Wartemarken im Arbeitsamt - das Ende des grünen Jahrzehnts. Eine ganze Fraktion abgewählt - so etwas ist in 41 Jahren Bonner Parlamentsgeschichte nicht vorgekommen. Die Bundestagsverwaltung ist überfordert: Gehören die Schreibmaschinen und Computer dem Bundestag oder den Grünen? Müssen die Fraktionsangestellten fristlos oder zum 31. März gekündigt werden? War die Bundestagswahl, rein arbeitsrechtlich, eine "unbillige Härte"? Hilft der Bundestag beim Sozialplan? Nichts ist geklärt, aber der Auszug hat schon begonnen. Die ostdeutsche "Initiative Frieden und Menschenrechte" bekommt das Archiv. Endzeitstimmung in den Fluren: überall Müllsäcke und Umzugskartons. Umziehen, aber wohin?

Zurück bleiben Leere und das Gefühl der Niederlage. Wo Tränen und Rührung sind, darf die Presse nicht fehlen "Wie die Hyänen stürzen die sich auf uns", schimpft Anne Waldschmidt, Mitarbeiterin für Gen- und Fortpflanzungstechnik, über den Voyeurismus bei der grünen Beerdigung. Ständig gefühlige Fragen: Wie verkraften Sie das? Werden Sie jetzt aufgeben? "Dieses Mitleid kommt mir vor, als trete man noch mal drauf " Die Spalten der Blätter, die so lange gut von den Grünen hatten, füllt Mokantes und nüchtern Analytisches: Das Deutsche Allgemeine Sonntagsmen Sitzung der neuen Fraktion von Grünen und Bündnis 90", geschrieben am 29. November: "Wir weisen darauf hin, daß wegen der zu erwartenden Anzahl der neuen Abgeordneten und Gäste aus Ost und West diese erste Sitzung nicht in unserem eigenen Fraktionsraum stattfindet Kommentar des Sonntagsblattes: "Wer zu früh einlädt, den bestraft der Wähler "