Von Flora Lewis

PARIS. – Von Zeit zu Zeit hat jemand eine bedeutende, geradlinige Idee und auch die Energie, sie in die Realität umzusetzen. Professor Mohammed Yunus, ein sanfter fünfzig Jahre alter Wirtschaftswissenschaftler, ist solch ein Mann.

Im Moment sehen alle gebannt auf die Makroökonomie: auf die Ölpreise, die Inflation und die Gefahr einer weltweiten Rezession, die besonders die Entwicklungsländer, die ganz Armen und die um ihr Überleben kämpfenden, ehemals kommunistischen Staaten treffen würde. Aber sogar im vergangenen Jahrzehnt, als die Lage weltweit nicht so angespannt war wie jetzt, stieg die Armut immer weiter, und es gab keine Möglichkeit, die Situation der Armen zu verbessern.

Die Formel die Mohammed Yunus zur Linderung der ärgsten Not anbietet, verspricht keine magische Lösung. Das ist ja gerade das Übel, daß manche immer noch glauben, es könne ein umfassendes Rezept zur Überwindung der Weltarmut geben. Aber seine Ideen sind ermutigend, wirkungsvoll, und wenn sie auch nur mit kleinen Schritten funktionieren, so breiten sie sich doch überall aus. Grundlage seiner Vorstellungen ist die Vergabe von Krediten.

Mohammed Yunus stammt aus Bangladesh. Das ist kein Zufall, denn wenn es jemals ein Land gegeben hat, das den "Malthusischen Kreislauf" (Theorie über das Wachstum der Bevölkerung) demonstrierte, dann war es dieses. Sein reicher, fruchtbarer Boden erleichtert es der Bevölkerung, sich bis zu dem Punkt zu vermehren, wo sie sich nicht mehr selber unterhalten kann. Durch das nächste unausweichliche Unheil wird die tragische Balance dann wieder hergestellt. Die meisten in Bangladesh kommen einfach nicht einen Schritt voran.

Yunus gehörte zu denen, die Glück hatten. Er gewann ein Fulbright Stipendium, studierte an der Vanderbuilt Universität in Tennessee und ging nach der Unabhängigkeitserklärung 1972 in sein Land zurück, um an der Chittagong Universität zu lehren. Aber als 1974 die große Hungersnot ausbrach und er die Leichen der verhungerten Männer, Frauen und Kinder in den Straßen liegen sah, fragte er sich: "Haben wir dafür ein eigenes Land gegründet, gibt es dafür die Ökonomie?"

Zu diesem Zeitpunkt wäre jemand in seiner Situation vielleicht Marxist geworden, aber das reizte ihn nicht. Er hatte genug von der Theorie. Deshalb ging er in ein nahe gelegenes Dorf und suchte nach praktischer Arbeit. "Ich war durch die amerikanische Demokratie beeinflußt", sagt er, "und ich bin immer ein gewaltfreier Mensch gewesen."