ZDF, Dienstag, 18. Dezember 1990, 19.30 Uhr: "Das Elend der Sowjetsoldaten", eine Reportage von Anke Ritter

Sommer 1961, die Havel bei Werder. Drei Segler kommen bei Flaute heim, Stille, Dunkelheit. Mit den nötigsten Handgriffen macht man das Boot fest, hinterm See geht der Mond auf. Und dann ist dieses Dröhnen in der Luft und die Gänsehaut auf dem Wasser. Langsam nähert sich Schwerlast, donnert schließlich über die Eisenbahnbrücke: Zugkolonnen sowjetischer Panzer auf dem Weg nach Berlin. Man ist an den Anblick gewöhnt und mißt dem keine besondere Bedeutung bei, man legt sich zu Bett und erwacht am 13. August.

Frühling 1965, die Havel bei Werder. Mit böigem Wind sind drei Segler auf dem Heimweg, es ist kalt, und es ist spät. Sie kentern mitten auf dem See. Als die Sonne verschwindet, sind sie so unterkühlt, daß sie nicht mehr ans Ufer schwimmen können. In der Ferne eine winzige Silhouette, ein Sowjetsoldat auf dem Fahrrad, eine Patrouille der im ehemaligen Fliegerhorst Werder stationierten Besatzungstruppen. Ein verzweifelter Versuch, sich bemerkbar zu machen – dann die tuckernden Dieselmotoren ihrer Angelkähne. Mit dem Jeep durchs Militärobjekt, im Lazarett Einreibungen mit Kampferspiritus, Kartoffelsuppe, bunte Vitaminmurmeln und ein Wasserglas halb mit Wodka gefüllt. Einer hockt sich ans Bett und guckt, daß einem warm wird, "nu spi", sagt er, "nun schlaf".

Als Siegermacht haben sie mir ein Leben hinter der Mauer beschert; als junge Männer mit Namen und Gesichtern haben sie mir das Leben gerettet. Nun gehen die "Freunde", wie sie im DDR-Volksmund mit zarter Ironie genannt wurden. Erst jetzt wagt man im Osten, etwas gegen sie zu haben, erst jetzt kann man es wagen, sie untern Weihnachtsbaum in die Familie einzuladen.

Wirkliche Begegnungen gab es vordem kaum. So viele Jahre haben sie da nebenan gelebt, hinter ihren weißgrünen Mauern, und man kam sich auch bei den inszenierten Treffen der DSF (Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft) kaum näher. Hätte man sich näherkommen können? Oder geht das erst jetzt? Oder geht es jetzt schon wieder nicht, weil nun wir mit unseren Care-Transporten die "Sieger" sind, denen man dankbar sein muß, wie wir dankbar sein mußten für die Befreiung?

Die "Freunde" gehen, wohin gehen sie? Nach Hause? An die zehntausend von ihnen sind in Moskau obdachlos, sie leben in Zelten. Der Film von Anke Ritter kann ihnen nahekommen, wie das vordem nicht möglich gewesen wäre. Wie das vor "Glasnost" nicht möglich war und nicht vor diesem Auszug. Nicht, bevor wir und sie erlöst waren vom Nachkrieg.

Freilich verrät der Titel etwas vom Elend der Annäherung an östliche Nachbarn. Diese Annäherung war vorzugsweise unterwerfend oder unterstützend, sie hatte vorzugsweise den Gestus der Überlegenheit. Hat sie ihn noch? Der Film war bei Redaktionsschluß nicht fertig, doch ich glaube, daß er Aufschluß darüber geben kann, was uns im Verhältnis zu den östlichen Nachbarn nun möglich geworden ist – und wieviel Annäherung uns nun bevorsteht.

Martin Ahrends