Von Helmut Schödel

Es geht also um die Wurst. Wie schon in seinem zweiten Film serviert uns Christoph Schlingensief, der Chronist des deutschen Wahns, auch in seinem Opus Nummer sechs ein "Menu Total". Bildfüllend quillt es aus einem Fleischwolf: Gehacktes, nicht vom Schwein, vom Rind, vom Kalb, sondern vom Ossi. Diese Ode an Haarmann ist ein Film voll kühner Thesen, zum Beispiel dieser: vier Prozent der Flüchtlinge aus der DDR seien im Westen nie angekommen und in den Metzgereien der Bundesrepublik verschwunden. Die Geschichte des Films ist mit einem einzigen Satz auf dem Plakat bereits erzählt: "Sie kamen als Freunde und wurden zu Wurst." Für Schlingensief ist die Wiedervereinigung ein B-Picture, ein deutsches (Kettensägen-) Massaker, der Rückfall in eine Barbarei, der nicht nur alles Wurst, sondern Wurst alles ist.

Schlingensiefs deutsche Gespenster, die bisher in unterirdischen Gängen und alten Schlössern hausten (in alphabetischer Reihenfolge: Alfred Edel, Udo Kier, Dietrich Kuhlbrodt und Volker Spengler) sind jetzt wieder obenauf. Alfred Edel leitet, in der weißen Gummischürze des Metzgers, ein deutsches Schlachthaus und will schlachten, schlachten, schlachten. Wie immer bei Schlingensief sehen die Massakrierer wie Massakrierte aus, ist ein Massaker immer die Folge eines vorangegangenen. Kranke Rinder und gesunde deutsche Metzger sehen sich in diesem Film zum Verwechseln ähnlich, womit wir bei Schlingensiefs zweiter These wären: Die Rinderseuche ist nicht nur auf den Menschen übertragbar, sie ist identisch mit dem deutschen Wahn. Eine deutsche Rindviehparanoia.

Sich vereinigen heißt zerteilen lernen: von der Kettensäge spritzen die Funken, und die Metzger schwingen die Axt, bis die Knochen splittern. Fünf neue Bundesländer, fünf neue Fleischbänke. Wurst, Wurst, Wurst. Wie immer zeigt Schlingensief die Massaker mit den Mitteln der Gegner, mit Terror, Blut und Feuer. Das Schlußbild: Ein Trabi brennt aus.

Am Anfang besteigt eine junge Frau einen Trabi, um aus Leipzig zu flüchten, in Richtung Westen, weil sie zu wissen glaubt, wo die Wurst hängt. Sie will zum Wohlstand. Aber der Wohlstand ist immer der Wohlstand der anderen. Die Teilung der Welt ist unaufhebbar: Hier die Metzger, da die Würste. Die Frau aus Leipzig spielt wunderbar Karina Fallenstein. Es ist, als wollte sie wenigstens das Kino davor bewahren, zersägt zu werden. Unter lauter Monstern spielt sie eine Schauspielerin.

Einer, ein einziger, bleibt von Blut und Chacs unberührt: unser Bundespräsident. In der allerersten Szene des Films sieht man ihn, ganz und gar ein edler Ritter, das graue Stirnhaar zur Locke gefaltet, in der deutschen Nacht der Wiedervereingung vor dem Reichstag: "Sich vereinigen heißt..."

Hinter ihm steht, mit sattem Grinsen, Kohl, der Gourmand, der schon wieder ein paar Würste zu viel gegessen hat und sich vielleicht gerade ein Massakerdementi überlegt: "Lassen Sie es mich doch einmal in aller Deutlichkeit sagen: Eine Wurst ist eine Wurst ist eine Wurst."