Mit dem Flechten von Kränzen durch die Nachwelt haben Mimen und Helden gleichermaßen ihre Erfahrung. Nur zu schnell fällt der Vorhang des Vergessens über gestern noch als säkulare Ereignisse gefeierten Großtaten und Spektakel. Umgekehrt sprießt schnell das Rankenwerk von Legenden. Schließlich formt jede Zeit sich ihre Götter selber nach ihrem Ebenbild.

Die elektronische Konservenindustrie hat da immer wieder mal ein paar Stützen in das Gedächtnis einziehen wollen. Das abgeschlossene Interpretations-CEuvre freilich unterliegt sich wandelnden Kriterien. Nur allzuschnell ging die Entwicklung, sowohl ästhetisch wie technisch, über die Hinterlassenschaft und damit die Erinnerungstiefe so manches so Großen hinweg, und es brauchte seine Zeit und innere Distanz, bis wir uns an die Wiederentdeckung machten – zur Zeit befinden wir uns mitten drin bei Caruso und Bruno Walter, bei Maria Callas und Toscanini, bei Gieseking und Furtwängler, bei Sir Thomas Beecham und Otto Klemperer.

Aber wie wir schon live im Konzertsaal eher nur in Ausnahmefällen mit geschlossenen Augen „bloß“ hören, in aller Regel den Dirigenten beobachten, seinen Gestus entschlüsselnd, seine Intentionen erahnend und die Reaktionen der Musiker verfolgend; auch registrieren, wie der Pianist diese oder jene Stelle „nimmt“, daß dieses Motiv in der ersten Oboe erklingt und jenes Baßpizzikato in Celli und Bässen nicht ganz präzise war – so scheint es auch eine Gemeinde zu geben, die sich des Sonn- und Feiertags zur spätvormittäglichen TV-Stunde statt der Sendung mit der Maus oder dem Ski-Worldcup zwei Concerti grossi aus der barocken Schloßkirche oder das Final-Konzert des Chopin-Wettbewerbs anhört und ansieht.

Prompt kamen auch den Bedürfnis-Weckern und -Befriedigern in der elektronischen Kulturindustrie Ideen, wie denn wohl an den Neigungen der TV-Zuschauer zu partizipieren sein könnte. Ehe freilich die „Laser Disc“ oder „CD-Video“ und – in jüngster Zeit – ein VHS-Videoband mit Sinfonien und Opern, Klavierabenden und Produktions-Reportagen in den Handel geraten konnte, mußten einflußgewaltige Maestri die Rechtslage beeinflussen und eine qualitätsstabile Hardware die Absatzchancen sichern. Beides darf inzwischen als erreicht angesehen werden.

Da zeigt sich denn doch bald, daß unsere optische Erlebniswilligkeit etwas anders geartet ist als unsere akustische Erlebnisfähigkeit. Was bei Frühstück und Lektüre, während der Autobahnfahrt oder am Arbeitsplatz eine andere Tätigkeit akustisch begleitet oder was in stillisolierter Vergnügtheit konzentriert selbst über längere Dauern genossen wird, vermag längst nicht so intensiv jemanden vor dem Bildschirm anzunageln und dort ausharren zu lassen: Plötzlich erhält beim Kunstkonsum der Faktor Zeit eine andere Dimension.

Und ein zweites: Unser optisches Erinnerungsvermögen ist empfindlicher als unser akustisches. Bei der dritten Wiederholung verliert das Zäpfchen eines Sängers / einer Sängerin in Großaufnahme schnell an Reiz. Das anerkennende Augenzwinkern des Dirigenten an den Hornisten nach dessen gelungenem Solo wirkt dann nicht mehr so spontan und herzlich, und sein Handkuß an die Dame von der ersten Flöte wird von Mal zu Mal theatralischer.

Um so erstaunlicher, daß gerade die „Videos“ mit dem, wenn man sich so herumhört, „theatralischsten“ unserer Dirigenten, also Leonard Bernstein, über den „Werkgenuß“ hinaus eine in diesem Maße sonst nirgends vorgefundene Information über die Musik, das Werk selber also, enthalten. Darunter mag selbst ein Gesichtsausdruck zu fassen sein, der etwa im langsamen Satz der neunten Sinfonie von Beethoven den (gewiß falschen) Eindruck erwecken könnte, der Dirigent sei zu Tränen bewegt. Aber in der Intensität, der Konzentration auf jeden Ton und dessen präziser Anordnung in der Vertikalen wie in der Horizontalen wird plötzlich einsehbar, daß das Tempo statt Viertel = 60 hier heruntergeschraubt werden kann bis zu Achtel = 48.