Es war der erste Programmpunkt, der von den pianistischen Qualitäten Alon Goldsteins überzeugte. Der israelische Pianist, zu Gast beim Preisträgerkonzert der Frankfurter Kunstgemeinde zugunsten der Universität Tel Aviv, begann im Mozartsaal mit Chopins drittem Scherzo cis-moll, op. 39: Ein angedrehtes, ständig kulminierendes Etwas, ein Sieben-Minuten-Spuk, den Goldstein in seiner typisch chopinesk rüttelnden Geste um so mehr zuspitzte als er („Hexenmeister an Tasten“) ein wahrhaft unglaubliches Tempo vorgab. Das erging sich in eruptiven Fetzen, bäumte sich rhythmisch immer härter auf...

Das Programm, das mit einer kulminativ – und hier zu Recht – aufspielenden Sonate B-Dur, op. 83 Prokoffiefs zu Ende ging (dem waren hellgemachte Debussy-Preludes vorausgegangen) enthielt auch, mit Nen-Zion Orgads „Tongesten“ einen Beitrag voll klirrender, spannend gemachter Dissonantik und noch mehr: Goldstein, der sich für das Werk des jüdischen Komponisten auch schon mit Platteneinspielungen einsetzte, besetzte die scheinbare Leere in sich ruhender Klanggestalten ebenso intensiv wie momentan aufbrechende Expressivität.

Alexander Ullmann: „Chopinesk rüttelnd“, „Frankfurter Rundschau“, S. Dezember 1990

Theater des Friedens

Nun ist es soweit, nun dürfen wir uns erinnern, gerade jetzt, wo ein Kerzlein nach dem anderen brennt, Kirchenglocken zum Ladenschluß läuten, Neons in den trüben Winterhimmel leuchten. Ach, weißt du noch, Heinz, wie wir damals, nach dem Krieg, das erste Mal vor der Waschtrommel saßen, die Augen neugierig auf das bunte Treiben gerichtet, wie wir selig Waschgang auf Waschgang folgen ließen, kein Einweichen mehr, kein Auswringen, nur du und ich im feuchten Keller, ach Heinz. Und wofür wir damals Jahre brauchten, das dürfen die lieben Ossis jetzt alles auf einmal erleben. Sieh doch nur, all die roten Backen, die glühenden Augen von Weimar bis Stralsund! Wie der deutsche Osten in frischem Glanze leuchtet, wie der Westen die Ödnis in ein schönes Lichtermeer verwandelt. Und all die neuen Namen! Wie hübsch sie gegen die alten klingen, in Magdeburg wie überall, aber vor allem in Magdeburg. Wo die Karl-Marx-Straße wieder Breite Straße heißen darf, wo der Chefkoch vom „Savarin“ seinen Apfelkrapfen in das vertraute Pommes Beignet umtauft, wo die Buchhandlungen unseren Parfümerien weichen und ein Trabifahrer mit seinem Trabi für den neuen Sexshop wirbt. Am 4. November, vor einem Jahr, waren sie alle friedlich auf den alten Domplatz gekommen, mit Kerzen und ehrlichen Sprechchören. Endlich einmal wollten sie niemandem gehorchen müssen, nur sich selbst. Wir aber durften sie friedlich belehren, daß es so einfach nicht geht mit der Demokratie, daß es besser ist, ratlos zu sein, als alten Namen anzuhängen. „Vor einigen Tagen“, schreibt die Magdeburger Volksstimme, „verschwand sang- und klanglos die Leuchtschrift ‚Theater des Friedens‘ von der Frontseite des Hauses am Alten Markt 6. Nun wird das Kino sicherlich einen anderen Namen bekommen, man sollte sich darüber Gedanken machen.“ Laß uns einen schönen aussuchen, Heinz.

Denkmal-Rekorde

In der Umbau-, Anbau-, Abriß- und Neubaustadt New York ist es immer eine Affäre, ein Gebäude diesem Kreislauf des Geldes zu entwinden, aber nun ist es wahrhaftig wieder geschehen. Das Lever Building in der Park Avenue, eine Hochhaus-Sensation von 1952, war schon vor ein paar Jahren zum Baudenkmal erklärt (und damit durch alle Instanzen vor dem Abriß durch Spekulanten bewahrt) worden. Nun hat es die Stadt mit dem Guggenheim-Museum des Architekten Frank Lloyd Wright von 1959 geschafft, einer Art von gestreiftem Gugelhupf, und für New York so markant wie die Oper für Sydney. Nicht wenige erkennen in diesem Akt einen Sensationserfolg. Und wir applaudieren. Das Münster in Freiburg im Breisgau hingegen braucht niemand vor Umbau, Anbau, Abriß und Neubau zu schützen, da ist die ganze Welt vor. Aber der Zahn der Zeit! Der nagt. Und nagt mit Wind und Wetter und Co., mit saurem Regen und aggressiver Luft am rotbraunen Sandstein. Und von diesem scheußlichen Geräusch alarmiert, zeichnete der Bauingenieur Claus Hofmann aus Bad Krozingen eine steile Hülle aus Stahl und Glas, die er darüberzustülpen empfiehlt. Das Münster wie ein Käse unter der Glocke? „Rein technisch“, sagt der Regierungspräsident, „eine bestechende und brillante Idee.“ Dem Dombaumeister entfuhr der Schrei: „Eine Vergewaltigung!“ Wir aber fallen in ein großes Gelächter.