Private Bauern sollen die Republik aus der Hungerkrise führen

Von Christian Schmidt-Häuer

Rußland

In einer Mischung aus gutem Willen und blindem Eifer überrollen derzeit die Bundesrepublik und andere westliche Länder die Sowjetunion mit ihrer Hungerhilfe. Doch während Spendenaktionen nur kurzfristig lindern können, beschritt jetzt das Parlament der russischen Republik in einer historischen Entscheidung den auf lange Sicht einzig hilfreichen Ausweg: Es beschloß, den Bauern nach 73 Jahren das Recht auf den Besitz von Grund und Boden zurückzugeben.

So wenig sich dadurch – vor allem auch nach Gorbatschows dogmatischem Einspruch gegen den Kauf und Verkauf von Böden – vorerst praktisch ändern wird, so eindringlich ist das politische Signal. Denn der Raub des Hoflands, die Wiedereinführung der erst 1861 aufgehobenen Leibeigenschaft durch die Zwangskollektivierung der dreißiger Jahre, Stalins Massenmord an den besten Bauern und Bäuerinnen, die Vernichtung ihrer Kinder und ihrer ländlichen Kultur, die "Diktatur der Industrie" (wie von Stalin gefordert) und des Militärs haben den Hunger bis heute zum Damoklesschwert über der sowjetischen Bevölkerung gemacht.

Mit ihrem Beschluß über das "Programm zur Wiedergeburt des russischen Dorfes und der Entwicklung des agrar-industriellen Komplexes" hat die Mehrheit der russischen Parlamentarier den redlichen Versuch begonnen, mit der furchtbaren Vergangenheit zu brechen. In Artikel 4 werden alle Eigentumsformen gleichgestellt; Kolchosen, Sowchosen und private Bauernhöfe haben künftig denselben Rang. Bauern, die sich selbständig machen wollen, können Grundstücke über die örtlichen Sowjets bekommen. Eine neuerliche Enteignung wird prinzipiell ausgeschlossen.

Westliche Kommentatoren haben sofort auf die Einschränkungen verwiesen, wonach die Bauern ihr Hofland erst nach zehn Jahren verkaufen dürfen und auch dann nur an die örtlichen Sowjets. Diese Begrenzungen sind erst nachträglich auf Betreiben der konservativen Reformgegner um die mächtigen Kolchos- und Sowchos-Direktoren eingefügt worden. Doch hat dies auch Vorteile, da die russische Geschichte lehrt, daß gewisse Vorkehrungen gegen den schnellen Ausverkauf der besten Grundstücke berechtigt sind. Die berühmte, jetzt so viel zitierte Agrarreform Stolypins von 1906 zerschlug zwar die genossenschaftlichen Strukturen der alten, rückständigen Dorfgemeinschaft obschtschina. Doch sie verhinderte nicht, daß reiche, ortsfremde Käufer das beste Land erwarben und den Bauern aus der obschtschina nur die Randgebiete ließen. Dies trug dazu bei, die Landbevölkerung gegen den Zarismus aufzubringen, und erleichterte es Lenin am Ende, mit der Parole "Grund und Boden den Bauern" die anderen Parteien von den Massen zu isolieren.