Von Uwe Prieser

Jutta Müller war so elegant gekleidet wie immer, doch etwas war daran anders als sonst. Für eine Sechzigjährige war ihr Haar beinahe zu schwarz. Sie trug es straff zurückgekämmt und hinten zu einem Knoten gebunden. Die wenigen silbernen Fäden darin waren genauso dekorativ wie die in den Nackenknoten hineingewundene Perlenschnur. Es war eine strenge, zurückgenommene Eleganz.

In der Eishalle im Gelsenkirchener Sportpark wurde trainiert. Die zusammengeschnittenen Musikstücke der Läufer drangen plärrend zur Cafeteria herüber. Dies hätte eine Szene sein können, wie Jutta Müller sie seit mehr als dreißig Jahren überall auf der Welt erlebt. Der Klub, den sie zum erfolgreichsten Eiskunstlaufklub der Welt gemacht hat, heißt seit kurzem nicht mehr SC Karl-Marx-Stadt, sondern EV Chemnitz.

Beim EV Cemnitz stehen die Dinge nicht gut. Eine der beiden Eishallen geschlossen, Trainer entlassen, und woher die Eltern der Eisläufer das Geld nehmen sollen, um die Trainerlektionen zu bezahlen, wenn Jutta Müller und die anderen fortan nicht mehr Angestellte im Dienste des staatlichen Leistungssports sind, sondern als freie Unternehmer auf Honorarbasis arbeiten müssen, das weiß kein Mensch.

"Ich will ja nicht sagen, daß unser System das einzige gewesen ist. Da war vieles überzüchtet. Ich meine, auch im Sozialismus hätte das gehen können, daß man die Schnürsenkel zu den Schlittschuhstiefeln selber bezahlt, aber so, wie das jetzt laufen soll, kann das bei uns keiner mehr bezahlen."

Manchmal liegt ein Anflug von Resignation in ihrer Stimme, auf ihrem Gesicht. Doch dann ist es wieder nur Nichtverstehen-Können, unterdrückter Zorn und eine an ihrem Ziel unsicher gewordene Energie, "Ich begreif’ dieses andere System nicht." Pause. "Ich begreif’s nicht." Und dann, mehr zu sich selbst: "Ich werd’ mich schon noch dran gewöhnen." An ihrem Gesicht ist nicht zu erkennen, ob sie sich selber glaubt; nichts außer Entschlossenheit und dem Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen.

Klein, schmal und aufrecht sitzt sie in ihrem Stuhl. Genauso war sie vorhin durch die Eishalle gegangen; nur noch kleiner, schmaler, noch aufrechter. Grüßte nach links, nach rechts, das Lächeln kalkuliert, nicht zu lang, nicht zu kurz, so daß es eigentlich kein wirkliches Lächeln war.