Von Gerhard Prause

Mit fünfzehn Bänden auf einen Schlag hat der Ravensburger Buchverlag Otto Maier, bekannt für seine hervorragenden Kinder- und Jugendbücher, eine Geschichtsreihe gestartet, die offensichtlich Leser aller Altersstufen gewinnen soll, wozu sie auch bestens geeignet ist. Die Ravensburger haben sie von den Franzosen übernommen, von Gallimard in Paris, ließen die von Fachleuten verfaßten Texte aber nicht nur übersetzen, sondern sie von deutschen Wissenschaftlern überarbeiten und aktualisieren und gaben der ganzen Reihe dann den übergreifenden, eigentlich längst abgegriffenen Untertitel „Abenteuer Geschichte“. Aber das überraschende ist, daß diese so häufig mißbrauchte Absichtserklärung hier wahrhaftig realisiert wurde: Reichhaltig in der Thematik, wundervoll illustriert, knapp und lebendig in den Texten, vielseitig dokumentiert – diese von Experten geschriebene Reihe macht Begegnung mit Geschichte wirklich zu einem immer neuen Abenteuer.

Abenteuer steht für Überraschung, Spannung, Kurzweil. Langeweile wird schon durch die Neugier weckenden Farbillustrationen verhindert, die in ausführlichen Legenden gut erklärt werden. Und kaum eine Textseite ist ohne Illustration. Die Haupttexte machen jeweils nur gut die Hälfte eines Bändchens aus. Der andere Teil, ebenfalls illustriert, in Schwarzweiß, und mit Zeichnungen, Tabellen, Karten versehen, besteht in „Zeugnissen und Dokumenten“, Anmerkungen, Glossaren, Literaturhinweisen, Namen- und Sachregister. Langeweile wird auch dadurch ausgeschlossen, daß diese Reihe nicht etwa sämtliche Geschichtsepochen abhandelt, sondern Geschichte punktuell zu erfassen versucht, in Ereignissen, Personen, Problemen, und sich von allen die interessantesten, spannendsten und freilich auch bekanntesten (aber eben deswegen zugleich beliebtesten) herauspickt. Zum Beispiel: „Alexander, Eroberer der Welt“, „Goldrausch“, „Amazonas, der sterbende Riese“, „Die Wikinger“, „Verlorene Städte der Maya“, „Leben und Tod der Wale“, „Sklavenhandel“, „Ägypten, Entdeckung einer alten Welt“, „Zeugen der Urzeit“, „Mohammed, die Stimme Allahs“, „Vincent van Gogh – Das Licht der Farben“, „Die Entdeckung der Südsee – Auf der Suche nach der terra australis“, „Indianerland“, „Die Pole – Expeditionen ins ewige Eis“.

Im Register des letztgenannten Bandes kommt zweimal der Name Byrd vor: „Byrd, Adm.“ und „Byrd, R.“. Dahinter verbergen sich nicht etwa Vater und Sohn, wie ahnungslose Leser vermuten könnten. Es handelt sich durchaus nicht um zwei Personen, wie die „Deutsche Redaktion: Martin Sulzer“ zu glauben scheint (im Unterschied zu den Franzosen), sondern um ein und denselben Richard Evelyn Byrd. Ein winziges Fehlerchen, gar nicht der Rede wert, so scheint es. Doch bei genauerer Prüfung zeigt sich, daß aus dem Text nicht eindeutig hervorgeht, daß Richard Byrd – von dem es auf Seite 74 heißt, seine Angaben, als erster den Nordpol überflogen zu haben, „müssen bezweifelt werden“ – identisch ist mit dem Admiral Byrd, der auf Seite 120 genau zwanzig Jahre später ein großes Unternehmen in der Antarktis startet. Daß Richard E. Byrd mit seiner frechen Lüge Karriere machte und zum Admiral und amerikanischen Nationalhelden aufstieg, kann der Ravensburger Redaktion nur in sträflicher Unkenntnis von „Tratschkes Lexikon für Besserwisser“ entgangen sein.

Aus eben diesem Defizit mag der deutschen Redaktion (wieder im Gegensatz zur französischen) auch der zwar werbewirksame, aber irreführende (weil längst widerlegte) Untertitel zum Galilei-Band gekommen sein: „Und sie bewegt sich doch!“ Daß Galilei dies nie gesagt hat, hätte sie allerdings schon von Brecht wissen können, den sie im Dokumenten-Teil ausführlich zu Wort kommen läßt; Brecht stellte Galilei als Nicht-Helden dar und ließ ihn statt jenes nachträglich erfundenen Legendenspruchs sagen: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“ Aber ob Held oder nicht, ist allenfalls die zweitwichtigste Frage. Für den Historiker ist die wichtigste, ob der Wissenschaftler Galilei für seine Theorie von der Bewegung der Erde um die Sonne den Beweis erbringen konnte. Diese Frage kommt in dem Buch zu kurz, und die Antwort wird nicht gegeben: Er konnte es nicht! Aber das ließe sich wohl irgendwann nachtragen, zumal die entsprechende Arbeit des Augsburger Kirchenhistorikers Walter Brandmüller „Galilei und die Kirche oder das Recht auf Irrtum“ im Literaturverzeichnis bereits aufgeführt ist; sie wurde nur nicht gelesen.

Zu den anfangs genannten Pluspunkten der Reihe „Abenteuer Geschichte“ kommt als weiterer, daß die Bücher, wenngleich durchnumeriert, einzeln zu kaufen sind. Man kann also auswählen, kann in diesem und jenem Fall auf verbesserte Auflagen warten. Daß es zu neuen Auflagen kommt, ist nicht zu bezweifeln. Denn wer eines der handlichen Bändchen aufschlägt, liest sich fest und wünscht sich mehr und mehr von ihnen und wird am Ende ein bleibendes Nachschlagewerk haben. Fünf weitere Bände sind in Vorbereitung.

  • Abenteuer Geschichte

Bisher fünfzehn Bände; Ravensburger Buchverlag Otto Maier, Ravensburg 1990; je Band circa 200 S., 19,80 DM