Von Hans Pleschinski

In Zeiten deutsch-nationaler Selbstfindungsregungen galt sie als frühe, rüstige Vertreterin des Teutonischen. Ehrlich, aufrecht, heimattreu sei sie – die brave Teutsche – durch eine verworfene Welt der Lüstlinge, Gleißner und Widersacher geschritten. Doch Gott sei Dank war Liselotte von der Pfalz facettenreicher, europäischer, als es das Klischee von der intakten Germanin glauben macht.

Elisabeth-Charlotte aus Heidelberg hing zeitlebens an ihrer für sie verlorenen Heimat. Nach Frankreich verheiratet, wurden ihr die Gartenanlagen von Versailles und ihres Schlosses Saint-Cloud aber nicht minder lieb. In ihrer gut sortierten Bibliothek standen alle griechischen Klassiker, die französischen Autoren ihrer Gegenwart und wurden von ihr gelesen. Diese Frau, die das Ehelos an den Hof des Sonnenkönigs verschlug, war eine singuläre Adlige, die siebzig Lebensjahre lang kein Gran ihres Standesbewußtseins zur Disposition stellte.

Zuweilen sind es Verse von Rilke, die Dirk Van der Cruysse den verschiedenen Kapiteln seiner Liselotte-Biographie voranstellt: "Und sie ertrug es; trug es bis obenhin / das Fliegende, Entfliehende, Entfernte .../ gelassen wie die Wasserträgerin den vollen Krug." Der Autor, Literaturhistoriker in Antwerpen, setzt in seiner schwungvoll verfaßten Biographie den Lebensgang "unserer" Liselotte zu Recht mit einem vollen Kruge gleich. Sein Inhalt ergoß sich in 60 000 Briefen, welche diese Witteisbacherin abschickte: an den Halbbruder in Heidelberg, an die kluge Tante in Hannover, nach London an die verwandte dortige Königin.

Liselotte von der Pfalz wurde 1652 geboren. Nachdem ihr Vater, Kurfürst Karl Ludwig, sich wiederverheiratet hatte, bevölkerten am Ende sechzehn Kinder die Räume des Schlosses über Heidelberg. Rangunterschiede zwischen diesen Kindern, die geschiedene und die zweite Frau im Hause, die tumultuösen Familienverhältnisse müssen die älteste Tochter Elisabeth-Charlotte zeitig an ein aufgewühltes, nie ganz zu ordnendes Leben gewöhnt haben.

Sie – so unbändig und freßsüchtig sie war – stellte für Fürstenhäuser des 17. Jahrhunderts eine gute Partie dar. Sie entstammte ältestem Geschlecht und war Zweite in der Erbfolge der begehrenswerten, lieblichen Kurpfalz. Die nachmalige Schwägerin Ludwigs XIV. verbrachte glückliche Kinderjahre in Heidelberg, noch glücklichere bei ihrer Tante Sophie in Hannover und bei der exilierten Großmama in Den Haag, Elisabeth Stuart, Ex-Königin von Böhmen.

Das Trauma des Abschieds vom Glück datiert Liselottes Biograph auf das Jahr 1671, als die neunzehnjährige Prinzessin Straßburg hinter sich ließ, um in die arrangierte Ehe mit Philipp von Orleans weiterzureisen, dem verwitweten Bruder des Sonnenkönigs. Schon vor dieser seelischen Mesalliance der rheinischen Amazone und einem Homosexuellen von der Seine hatte Liselotte bemerkenswert lebendige Briefe geschrieben. Doch erst der zwangsweise Glaubenswechsel, die Ehetragödie, der unaufhaltsame Entzug des Kindheitsraumes schufen ab 1671 die fulminante Brief-Chronistin, die vom Palais Royal aus sich selbst, ihre Welt und der Menschen Erdentage bedenkt.