Von Matthias Glaubrecht

Seit mehr als zwanzig Jahren wogt ein Streit unter Anthropologen und Zoologen, in welchem Verwandtschaftsverhältnis der Mensch und die wichtigsten Menschenaffen zueinander stünden. Sind wir, wie viele Zeitgenossen es gerne sähen, tatsächlich "einsame Klasse", also Repräsentanten einer eigenen zoologischen Familie, der hominidae, die sich klar abgrenzen läßt gegenüber sämtlichen Menschenaffen, den pongidae? Was die Systematiker in langen Traktaten, vornehmlich basierend auf anatomischen und physiologischen Vergleichen, nicht entscheiden konnten, scheint nun die Molekularbiologie zu klären. Nach den neuesten vergleichenden Analysen des Erbgutes DNA von Menschen und Affen zeichnet sich ab, daß der Schimpanse näher mit uns verwandt ist als mit allen anderen haarigen Vettern, etwa dem Gorilla oder Orang-Utan. Die enge genetische Beziehung Schimpanse-Mensch stellt die angebliche Sonderposition des Homo sapiens als "Krone der Schöpfung" gründlich in Frage.

Bereits vor einigen Jahren waren zwei amerikanische Systematiker zu dieser Aussage gelangt und sofort ins Kreuzfeuer der Kritik geraten. Charles Sibley und Jon Alquist, von Haus aus eigentlich mit der Systematik der Vögel beschäftigt, hatten aufgrund ihrer DNA-Untersuchungen 1984 behauptet, daß unser nächster Verwandter im Tierreich pan troglodytes sei und nicht etwa einer der anderen Menschenaffen. Und ist es der Schimpanse, so sind auch wir eigentlich Affen, lautete die Quintessenz ihrer Studie. Dies stieß auf heftigen Widerspruch. Gegner wie der Anthropologe Jonathan Marks von der Yale Universität und der Berkeley-Biologe Vincent Sarich warfen den beiden Systematikern sogar bewußte Fälschung ihrer Daten vor und verteidigen bis heute eine enge Verbindung zwischen Schimpanse und Gorilla.

Dem stehen jedoch neuere Ergebnisse von Adalgisca Caccone und Jeffrey Powell von der Yale Universität entgegen: Nach deren DNA-Analysen sind die beiden heute lebenden Schimpansenarten pan troglodytes und pan paniscus mit uns Menschen näher verwandt als mit allen anderen Menschenaffen (Evolution, Bd. 43, Nr.5, S.925). Diese im vergangenen Jahr erschienene Studie konnte wesentliche methodische Unzulänglichkeiten der DNA-Hybridisierung von Sibley und Alquist ausräumen, an denen zuvor die Kritiker angesetzt hatten. Bei diesem Verfahren werden jeweils DNA-Fäden zweier Organismen miteinander verschmolzen. Gewissermaßen auf der Stärke der Bindung, die beide DNA-Sorten miteinander eingehen (je solider, desto enger die Verwandtschaft), beruht der Vergleich. Allerdings ist die Hybridisierung kompliziert, und zum Teil sind die zugrundeliegenden chemischen Prozesse noch unverstanden. Zudem liefern die verschmolzenen Hybridstränge nur ein indirektes Maß für die genetische Verwandtschaft, da man die exakte jeweilige Basen- oder Bausteinfolge in der DNA nicht kennt.

Ein Team des Molekularbiologen Morris Goodman von der Wayne State Universität hatte deshalb 1987 knapp zehntausend Basenpaare, das sind die "Sprossen" der schraubig gedrehten DNA-"Leiter", aus dem Erbgut von Schimpanse und Mensch in ihrer Reihenfolge bestimmt. Das Resultat auch hier: Während sich nur etwa 1,6 Prozent des untersuchten Genabschnittes bei Mensch und Schimpanse unterscheiden, sind es bei Schimpanse und Gorilla bereits 2,1 Prozent. Morris Goodman hatte schon Anfang der sechziger Jahre aufgrund von Bluteiweiß-Untersuchungen ein Schwestergruppen-Verhältnis bei Mensch und Schimpanse erkannt und konsequenterweise vorgeschlagen, beide als eine einzige Abstammungsgemeinschaft aufzufassen. Nur solche dürfen als Einheiten der Evolution gelten. Will man ihre Geschichte richtig verstehen, muß man die Beziehungen untereinander genauestens kennen. Mensch und Schimpanse wären demnach erst seit etwa sechs bis acht Millionen Jahren getrennte Wege gegangen. Spätestens vor rund vier Millionen Jahren, das legen die Fossilfunde des australopithecus afarensis alias "Lucy" nahe, lernten unsere Ahnen dann den aufrechten Gang – und liefen in evolutiver Hinsicht den nahen Verwandten davon.

Unabhängig von diesen Arbeiten und erneut mit anderen Methoden sind jetzt zwei weitere Forscherteams zum gleichen Ergebnis gekommen wie Goodman. Die Molekularbiologin Maryellen Ruvolo von der Harvard Universität hat die Erbsubstanz winziger Zellorganellen bei Mensch und Menschenaffen verglichen (Science, Bd. 250, S. 376, 1990). Wie Ruvolo kürzlich auf dem 4. Internationalen Kongreß für Systematik und Evolutionsbiologie in Maryland berichtete, hat ihr Team einen 700 Basenpaare langen Abschnitt eines Gens aus den Mitochondrien, das sind die "Kraftwerke" der Zellen, analysiert. Wieder war die genetische Anweisung mit nur 9,6 Prozent Unterschied zwischen Mensch und Schimpanse deutlich ähnlicher als zwischen letzterem und dem Gorilla (13,1 Prozent). Und wie der Molekulargenetiker Satoshi Horai von Japans Nationalem Institut für Genetik im Juli auf der Internationalen Primatologen-Tagung berichtete, hat auch sein Team mittels Vergleich mitochondrialer DNA herausgefunden, daß Schimpanse und Mensch am nächsten miteinander verwandt sein müssen. Die mitochondriale DNA ist insofern von besonderer Bedeutung, als sie nicht dem üblichen Erbgang unterliegt, sondern aus den "Kraftwerken" der Eizellen und somit immer ausschließlich von der Mutter stammt.

Damit rücken uns die beiden afrikanischen Schimpansenarten in genetischer Hinsicht näher als Kritiker wie Jon Marks und Vincent Sarich dies wahrhaben wollen. Sie sehen sich mit ihrer These, der Mensch sei als Hominide den übrigen Menschenaffen gegenüberzustellen, zwar in der Minderheit; damit ist aber die "Affenfrage" für sie noch längst nicht entschieden. Einzig die Studien von Morris Goodman wollen sie gelten lassen und verweisen auf die im letzten Jahr von Howard Green (Harvard Medical School) veröffentlichten Befunde. Demnach stimmen Gorilla und Schimpanse in vier Abschnitten eines Gens überein, das für das Hautprotein Involucrin codiert, während diese Abschnitte dem Menschen gänzlich fehlen.

Die jüngsten Befunde an der mitochondrialen DNA werden die teilweise erbittert geführte Debatte um unsere tierische Verwandtschaft zwar noch immer nicht endgültig beenden können. Doch die meisten molekularbiologischen Daten deuten inzwischen in die gleiche Richtung. Entgegen der noch immer weitverbreiteten Lehrbuch-Klassifikation gehört der Mensch zusammen mit dem Schimpansen und dem Gorilla in eine Familie, den Hominidae. Nach übereinstimmenden Ergebnissen verschiedener Forschungsgruppen wäre dann allein der asiatische Orang-Utan als Pongidae unser Vetter im Tierreich. Die Zeichen stehen daher zunehmend schlechter für jene, die den Menschen gerne auch weiterhin eine krasse "Außenseiterposition" unter den Primaten zubilligen möchten.