Im Schatten großen Reichtums geht Hungertod durch das Land“, schrieb Rabindranath Tagore, Bengalens berühmtester Dichter und Literaturnobelpreisträger von 1913. Auch der kürzlich abgesetzte Präsident und General Ershad schreibt Gedichte und träumt vom ehemals „Goldenen Bengalen“. Doch vier Fünftel des Volkes – das sind immerhin etwa neunzig Millionen Menschen – lebt unterhalb der Armutsgrenze. Kinderarbeit ist gang und gäbe.

Zusammen mit dem Photographen Claus-Dieter Brauns hat der Journalist Peter Grubbe Bangladesch bereist. Beide, Photograph wie Journalist, beschreiben auf ihre Weise den so fernen Schauplatz von Reichtum und Elend. Der Leser wird zurückgeführt in die Geschichte der Kolonialzeit, als der Anbau von Jute und Baumwolle die heutige Hauptstadt Dakka zum „Manchester Indiens“ machte. Inzwischen, im Zeitalter der Kunstfaser, haben viele Jutefabriken ausgedient, der Westen bezieht seine Baumwolle aus den USA, China oder Ägypten.

Über Chittagong, den einzigen Hafen Bengalens am gleichnamigen Golf, werden Getreide, Maschinen, Papier und Medikamente eingeführt. Exportiert wird hauptsächlich Tee, der zweitwichtigste Exportartikel des Landes nach der Jute. Für die Bundesrepublik steht Bangladesch als Teelieferant an vierter Stelle nach Indien, Sri Lanka und Indonesien.

Neunzig Prozent der Bevölkerung lebt auf dem Lande. „Der Boden meines Landes ist reiner als Gold“, sagt ein altes Sprichwort. Die Bauern haben ihr Leben in Allahs Hand gegeben und ertragen geduldig, daß jedes Jahr Tausende durch Monsun bedingte Überschwemmungen Haus und Hof verlieren und ebenso viele Menschen ertrinken. Darüber hinaus treiben Taifune die Wassermassen des Golfs von Bengalen über das Land. Der Bau eines vernünftigen Bewässerungssystems würde dem Land drei bis vier Ernten im Jahr bescheren und die Ernährung der Bevölkerung sicherstellen. Aber allein, ohne westliche Hilfe, kann Bangladesch dieses Projekt nicht bewerkstelligen.

Peter Grubbe engagiert sich mit diesem Band für die Andheri-Blindenhilfe, die 1967 von der Bonner Lehrerin Rosi Gollmann gegründet wurde. Jedes Jahr erblinden in Bangladesch 20 000 Kinder an Vitamin- und Mineralstoffmangel. Anfang 1990 wurde bereits der 500 000. Patient erfolgreich operiert. Die Kosten werden durch Spenden aufgebracht. Diesen Teil des Buches hat Claus-Dieter Brauns mit eindringlichen Schwarzweißphotos illustriert.

Der Untertitel des Buches verspricht Impressionen aus Bangladesch. Die Photos von Claus-Dieter Brauns kommentieren auf ihre Weise Peter Grubbes Text, wenngleich der Eindruck entsteht, daß manchmal die erschreckende Armut zu milde dargestellt wird. Meike Behrendt

  • Das Land der Bengalen