Der alte Bundestag ist tot, es lebe der neue! Während die Koalitionsverhandlungen noch in einem Labyrinth aus Arbeitsgruppen, taktischen Winkelzügen und Personaltableaus stecken, setzt die Konstituierung des frischgebackenen Parlaments in dieser Woche in Berlin das erste sichtbare Zeichen für den Wiederbeginn. Da ist dann auch viel Tatendurst zu spüren; es gibt eine Menge guter Vorsätze; jeder Abgeordnete hat sich sein persönliches Programm vorgenommen, besonders die neuen, fast ein Drittel von allen. Die altgedienten Fahrensleute sehen es mit ein wenig Skepsis. Und die Ausgeschiedenen steuern nun noch manchen Rückblick bei, sei es mit Verklärung, sei es im Zorn – oder staubtrocken wie Manfred Langner von der CDU.

Ein Hinterbänkler ist er ja im Laufe von vier Wahlperioden nicht gewesen, als Justitiar seiner Fraktion, Vorsitzender des Vermittlungsausschusses und vor allem an der Spitze des Flick-Untersuchungsausschusses. Doch nun lesen wir im jüngsten Quartalsheft der Sonde, der Zeitschrift für christlichdemokratische Politik, als lapidare Bilanz, in „ein, zwei Fachbereichen“ könne man Gesetzgebung und Politik durchaus maßgeblich beeinflussen, die ganze Politik aber erst dann, „wenn man in den Regierungsbereich oder in die Fraktionsspitze gelangt“. Und dicke Bretter müsse man immer bohren können – auch wenn, darum sorgt sich Langner, zum Teil eine Abgeordnetengeneration nachwachse, die das Mandat professionell wahrnehme: „Mit ungebrochenem Selbstbewußtsein und ausgeprägtem Hang zur medialen Selbstdarstellung lassen manche gar nicht erkennen, für was sie eigentlich in der Sache stehen.“

Ach ja, mit der Parlamentarierherrlichkeit im alten Sinne ist es so weit eben nicht her. Und was bleibt, ganz persönlich, nach Tausenden von Sitzungen und Tonnen von Papier? „Man kann im Laufe vieler Jahre doch einer ganzen Reihe von Menschen helfen.“ Nüchterner kann eine Bilanz wohl nicht sein. Dem Berliner Auftakt wird der Bonner Alltag folgen, mit vielen Langner-Erfahrungen, auch in der zwölften Legislaturperiode.

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Daß es vorerst bei Bonn als Regierungssitz bleiben wird, erscheint immer mehr Bonnern gewiß. Und es wird auch weiter kräftig Munition gesammelt, zum Beispiel mit Fragebogenaktionen der Personalräte der Bundesbehörden und anderer Einrichtungen – in eindeutiger Absicht. Nicht nur, daß etwa das Begleitschreiben aus der Hamburger Landesvertretung die Parole Ja zu Bonn!“ ziert. Vielmehr ist die Frage, ob man nach Berlin wolle, nur mit einem schlichten Ja oder Nein zu beantworten. Für jene, die nicht wollen, ist eine lange Liste von vorformulierten Gründen beigefügt: „wegen Belastungen im Zusammenhang mit der Finanzierung von Wohneigentum“ über Schwierigkeiten bei der Kindererziehung oder das Zerreißen persönlicher Beziehungen bis zum Verlust von Ehrenämtern und politischen Mandaten. Wer noch immer keine Begründung weiß, findet sie angeboten. Das Ergebnis der „Umfrage“ steht wohl jetzt schon fest.

Die Vorzüge Bonns vor Augen zu führen, lassen sich die Stadtväter zumal bei den neuen Bundestagsabgeordneten sehr angelegen sein. Doch mit der bunten Urbanität hapert es immer wieder. Im Sommer schon wurden jene fixen Jungs verbannt, die auf Verkehrsinseln vor roten Ampeln begonnen hatten, Autofahrern mit Erfolg Frühstücks – päckchen zu verkaufen. Jetzt hat das Ordnungsamt eine Menge von Geschäftsleuten, Wirten und Hoteliers angehalten, Bäumchen und Pflanzkübel vor ihrer Tür „umgehend aus dem öffentlichen Verkehrsraum zu entfernen“, weil sie den Verkehr in aller Regel gefährdeten oder erschwerten. Schade, gerade in der kahlen Jahreszeit. Aber was ein bißchen aus dem Rahmen fällt, hat es auch im Regierungssitz Bonn schwer.

Carl-Christian Kaiser