Berlin

Berlin, Wittenbergplatz, Bushaltestelle der Linie 29. Der „Große Gelbe“ rollt ein. Genau 13 Uhr am verkaufsoffenen Sonnabend. Mehr als vierzig Menschen drängen und schieben dem Einstieg entgegen. Taschen und Tüten werden hochgerissen, baumeln an hochgestreckten Armen in der Luft. Nach knapp einer Minute sind alle eingestiegen und abgefertigt. „Herrschaften, nun rücken Sie doch schon auf!“ bittet der Busfahrer zum zweiten Mal per Mikrophon, während eine ältere Dame ihrer Nachbarin zuflüstert: „In Köln ist das ja viel schlimmer. Da war ja die Bande, die immer die Taschen abgeschnitten hat.“

Europa-Center: Die nächste Menge stürmt den Bus, 34 Leute sind zugestiegen: „Jetzt ist Schluß“, bestimmt der Mann auf dem Bock. „Zurückbleiben! Sie steigen aus! Ja – Sie!“ schimpft er. „Mein Gott, Sie sollen aussteigen, verstehen Sie mich denn nicht?“ Er stellt den Motor ab und wird nicht weiterfahren. „Hier kriegt man ja förmlich keine Luft“, stöhnt eine Frau.

„Der permanente Streß ist vorprogrammiert“, sagt Wolfgang Göbel, Pressesprecher der Berliner Verkehrsgesellschaft (BVG). „So ein Busfahrer kommt täglich mit mehr als 2000 Leuten zusammen.“ Auch die erhöhte Infektionsgefahr macht sich bemerkbar. Der Krankenstand liegt derzeit bei 13,7 Prozent im sogenannten Oberflächenverkehr. „Problemlinien“ wie die Strecken 65, 29, 100 (Alexanderplatz/Bahnhof Zoo) oder 94 mit Stauzonen schaffen Verspätungen bis zu vierzig Minuten. Die Pausen, die ein Sechstel der Lenkzeit ausmachen sollen, kommen zu kurz. 190 000 Überstunden stehen an, Tendenz steigend. „Der ganze Adventsverkehr wird mit Überstunden eingefahren“, sagt Wolfgang Göbel. Was die Fahrer zuviel unterwegs gewesen sind, wird teils abgebummelt, teils bezahlt.

Joachimsthaler Straße, Vorfahrtspfeile leuchten auf, zügig rollen wir auf der Busspur. Neununddreißig Kilometer macht der Flickenteppich der Sonderspuren im Westteil der Stadt aus. „Streß? Das liegt an einem selbst. Ich bin vielleicht mal alle zwei oder drei Jahre krank“, sagt unser Fahrer. Kreuzung Fasanenstraße. Hier können die Busse seit kurzem beim Überrollen von Induktionsschleifen die Grünphase beeinflussen. „Die Kiste mit den Kontaktschleifen war klammheimlich“, sagt Rainer Giesel, Verkehrsexperte bei der CDU-Fraktion, „aber die Busspuren haben auch ihr Gutes.“

Die Zahl der Fahrgäste ist seit Öffnung der Mauer nach Angaben der BVG um rund dreißig Prozent auf 1,5 Millionen pro Tag gestiegen. 5240 Fahrer sind im Einsatz, davon „194 weibliche Busfahrer“. In den Schichtzeiten, die zwischen sechs und acht Stunden betragen, werden 92 Linien befahren. „Das sind täglich 1145 Linienkilometer. Macht zusammen 240 000 Kilometer am Tag“, sagt Wolfgang Göbel. Dazu meint der Mitarbeiter auf der Linie 29: „Mit der Zusammenführung der Stadt will ich gern leben, aber nicht mit den vielen Autos, die jetzt herumfahren.“ Haltestelle Olivaerplatz: Der junge Mann mit Lederjacke mogelt sich am Schaffner vorbei, gleich wird er zurückgepfiffen: „In Ihrem Land, mein Herr, müssen Sie doch auch bezahlen“, erklärt ihm der Fahrer. Für die dauerlaufende Dame wird noch einmal angehalten. Ruhig wandern seine Augen von Spiegel zu Spiegel, mal rüttelt er am Wechselgeld, dann lockert er fingerfertig die Fahrscheine auf. „Frag’ doch mal den Onkel, ob er Dir so einen Block schenkt“, bittet eine Mutter ihren Sohn.

Endstation. Kurve drehen, fertig zur Rücktour. Station Kaufhaus Wertheim, sechzig Menschen harren an der Haltesäule. Als erste schafft es eine Frau aus Köpenick mit Koffer und Wäschekorb. „Die Drängelei kenne ich, die ist bei uns nicht anders. Aber bei unseren ‚Schlenkis‘ steht man bequemer.“ Undurchsichtig sind die Scheiben, Heizungsluft, Dieseldunst und süßliche Parfumwolken reizen die Atemwege. Tür auf, Tür zu, kalte Luft, heiße Luft, beständig tuckert der Motor. 250 Liter Diesel kommen täglich in den Tank. Ein Mann tippt dem Busfahrer kräftig auf die Schulter, immer wieder. Der bewahrt eiserne Ruhe. „So ein Busfahrer fällt ja nicht vom Himmel“, meint Rainer Giesel, „der muß ausgebildet werden.“ Dazu hat eine junge, hübsche Busfahrerin, die seit zwei Jahren dabei ist, „genau ein Vierteljahr“ gebraucht. Sie liebt Busfahren. Probleme? „Ach, i wo, finde ich gut, auch alles mit den Kollegen und so.“

Auf die Frage eines Fahrgastes antwortet ein anderer Kollege: „Nee, der 73er bin ich nicht, ich werde morgen fünfzig! Aber steigen Sie mal ruhig ein.“ Er lenkt schon siebzehn Jahre bei der BVG und räumt ein: „Kommt auf die Schicht an, aber 250 Kilometer täglich kommen zusammen. Da könnte ich jeden Tag mal eben an die Ostsee gefahren sein.“ Maja Schriever