Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Dezember

Die Heinrich-Heine-Straße war einmal einer der wichtigsten Grenzübergänge für Westberliner, die nach Ostberlin wollten. Heute ist dort von den Grenzanlagen nichts mehr zu sehen. Der Autoverkehr rollt wie auf jeder anderen Straße. Wo einst die Kontrollbaracken standen, werden jetzt Weihnachtsbäume verkauft; daneben stehen ein paar Zirkuswagen. Nur ein Schild erinnert an alte Zeiten: "Bei Stau Motor abstellen".

Staus gibt es auch jetzt ab und zu, obwohl niemand mehr kontrolliert wird, doch keiner stellt mehr den Motor ab. Die Berliner sind ungeduldig geworden. Mancher fragt sich, warum so viele Parallelstraßen, die reibungslos von Kreuzberg ins Zentrum führen könnten, noch immer unterbrochen sind. Die Charlottenstraße zum Beispiel könnte viel Entlastung bringen, wenn nicht mitten auf der Straße noch ein umzäunter Lagerplatz für Kabelrollen und ein paar Baubuden stünden. Es ist eben mühsam umzudenken.

Die Mauer, die Berlin teilte, ist fast vollständig abgerissen. Nur an drei Stellen in der Stadt sollen Reste von ihr erhalten bleiben, zur Erinnerung. Für den Berliner, der fast dreißig Jahre mit diesem Monstrum gelebt hat, ist es immer noch phantastisch, was da innerhalb eines Jahres geschehen ist.

Das Leben in Berlin ist anders geworden. Die Menschen können sich wieder bewegen in der ungeteilten Stadt und ihrem Umland. Hunderttausende wollen diese neuen Möglichkeiten nutzen. Sie blockieren sich oft gegenseitig. Es ist ein Hin und Her, das an alte Zeiten erinnert. Die neue Buslinie 100 vom Zoo zum Alex war auf Anhieb ein Erfolg. Aber die Schneisen für Todesstreifen, zerstörte Straßen, abgerissene Häuser werden noch einige Zeit bleiben.

Weihnachtsmarkt auf dem Alexanderplatz in Berlin-Mitte. Es ist kaum ein Durchkommen. Ossis sind von Wessis kaum noch zu unterscheiden: Die Kleidung gleicht sich an, die Gesichter haben sich verändert, wirklich. Die Trabis geraten allmählich in die Minderheit. Wenn demnächst im Osten der Stadt die westlichen Kennzeichen mit dem "B" ausgegeben werden, fällt auch dieses Unterscheidungsmerkmal weg. Vielleicht bleibt es dabei, daß im Ostteil der Stadt sehr viel ungenierter Berliner Dialekt gesprochen wird als im Westen,