Von Gunhild Freese

Wenn westdeutsche Einzelhändler gegenwärtig ihre Geschäfte beschreiben sollen, dann fallen ihnen nur noch Superlative ein: Attribute wie "bombastisch" und "gewaltig" erscheinen ihnen gerade angemessen, um die diesjährigen Weihnachtsumsätze zu qualifizieren. Wenigstens 25,5 Milliarden Mark, so die Schätzungen der heimischen Händler, werden die Bundesbürger aus West und Ost in diesem Jahr für Geschenke, Essen und Trinken ausgeben – ein neuer Rekord wie alle Jahre wieder.

Damit können die Händler auf ein ungewöhnlich erfolgreiches Jahr zurückblicken. Insgesamt über 700 Milliarden Mark werden in diesem Jahr in die Kassen des Einzelhandels fließen – 70 Milliarden mehr als 1989. Es waren freilich auch gleich mehrere Faktoren, die den neuen Rekord möglich gemacht haben. So hat sich zum einen die Zahl der Bewohner im alten Bundesgebiet durch Asylanten, Aus- und Übersiedler um rund eine Million erhöht. Hinzu kam ein günstiges Konsumklima, angeschoben durch die vorerst letzte Steuerreform, aber erst so richtig angeheizt durch eine überaus freundliche Weltlage. So haben sich längst die sonst stets latenten Sorgen vor neuem kalten oder gar heißen Krieg verflüchtigt. Nicht einmal die Verschärfung des Nahostkonflikts konnte die konsumfreudigen Bundesbürger bremsen.

Vor allem aber war es natürlich die deutsche Einheit, die wie andere Branchen auch den Einzelhandel aufs schönste bescherte. Denn die rund siebzehn Millionen neuen Bundesbürger haben, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nüchtern konstatiert, "einen erheblichen Teil ihres Bedarfs in West-Einzelhandelsgeschäften" gedeckt. Rund die Hälfte des realen Zuwachses, so die Westberliner Forscher, sei auf Käufe ostdeutscher Haushalte entfallen. Die Einzelhandelsumsätze in den fünf neuen Bundesländern dürften sich dagegen im Vergleich zum Vorjahr in etwa halbiert haben.

In den Jubel der Westhändler, die sogar ihre sonst eher spartanischen Erträge kräftig aufbessern konnten, mischten sich denn auch einige Molltöne. So gelingt es den Händlern in der ehemaligen DDR trotz massiver Unterstützung aus dem Westen nur schwer, den Wünschen der Bevölkerung gerecht zu werden. Im alten Bundesgebiet hingegen scheint sich allmählich der hohe Konzentrationsgrad im Einzelhandel auszuwirken: "Die Intensität des Wettbewerbs", so beobachtete jedenfalls Reinhard Vieth, für den Handel zuständiger Abteilungsleiter im Bundeskartellamt, "ist geringer geworden." Vor allem vermißt der Wettbewerbshüter die "aufsehenerregenden Niedrigpreisangebote von der grünen Wiese". Die kaufkräftigen Altbundesbürger, angelockt durch verschönte Innenstädte, glitzernde Passagen und wohl auch durch den Trubel an den neuen donnerstäglichen Einkaufsabenden, haben nicht mehr nur den günstigen Preis, sondern vor allem die Qualität der Waren im Blick. Damit waren auch die einstigen Billiganbieter auf der grünen Wiese gezwungen, den Wünschen der Verbraucher nach Einkaufserlebnis entgegenzukommen – zu Lasten der Preise.

Gleichwohl, "die Konzentrationswelle im deutschen Einzelhandel auf immer weniger Große", so konstatierte im Sommer Klaus Wiegandt, damals noch Chef des Handelsriesen Rewe + Co., "neigt sich dem Ende zu". Ausgerechnet ein Konkurrent, der in Laufe des heftigen Konzentrationsprozesses zu den ganz Großen avancierte, hat in diesem Jahr seine Selbständigkeit aufgeben müssen: die Frankfurter co op AG. Der Handelskoloß mit zuletzt rund zwölf Milliarden Mark Umsatz, entstanden aus ehemaligen Konsumgenossenschaften und bis 1988 vom damaligen Vorstand an den Rand der Pleite manövriert, wurde zerschlagen und in Einzelteilen an die Wettbewerber verkauft. Die co op war der dickste Brocken, der am Markt noch zu haben war. Es verbleiben eine Reihe von selbständigen und ertragreichen Firmen mit Jahresumsätzen zwischen einer und vier Milliarden Mark Doch die Übernahme bestehender Läden stoße immer stärker auf den Widerstand der Wettbewerbsbehörden, befürchtet Klaus Wiegandt, der zur Jahreswende zum Rewe-Konkurrenten, der Saarbrücker Asko, wechselt.

So dürfte sich der Wettbewerb der Großen um neue Standorte und Absatzmöglichkeiten zunehmend auf die fünf neuen Bundesländer verlagern. Und ausgerechnet in der ehemaligen DDR erhofft Kartellwächter Vieth eine wettbewerbsfreundlichere Entwicklung. Dabei spricht die vorhandene Struktur durchaus für einen hohen Konzentrationsgrad. Denn im real existierenden Sozialismus war für den Mittelstand, der über viele Jahre den Handel im Bundesgebiet bestimmte, kein Platz. Das könnte nach Ansicht der Berliner Kartellbehörde nun anders werden: Derzeit ist die Treuhand dabei, für die kleinen Läden bis hundert Quadratmeter Verkaufsfläche Interessenten zu finden. Zwar gilt diese Größe in den Augen westdeutscher Händler als nicht existenzfähig. "Für eine Übergangszeit", so meint indes auch Hans Reischl, Chef der Kölner Rewe Zentral AG, "haben die eine Chance." Bisher nämlich ist – aus vielerlei Gründen – der Ansturm der Westkonzerne ausgeblieben. Nutzen die Kleinen, die ohnehin in den neuen Ländern noch auf einige Jahre eine bedeutende Versorgungsfunktion haben, die Zeit zur Expansion und womöglich gar zur Eröffnung oder Übernahme weiterer Filialen, dann haben sie auch im Konkurrenzkampf mit den Großen eine Chance.

Eine Unsicherheit bei dieser Perspektive, das räumt auch Reinhard Vieth ein, ist, die "Leute zu finden, die das können". Hinzu kommt, daß der Großhandel der ehemaligen DDR nicht mehr funktionsfähig ist. Ohne die Hilfe der Westkonzerne können die neuen Osthändler nicht überleben. Über die Belieferung mit Waren versuchen die großen Firmen, von Asko über die Genossenschaften Edeka und Rewe, die co op Genossenschaften Dortmund und Kiel bis zur mit selbständigen Kaufleuten arbeitenden Handelskette Spar, das neue Terrain zu erobern. Schon bald nach Öffnung der innerdeutschen Grenze sind vielfältige Kooperationsabkommen geschlossen worden, meist in der stillen Hoffnung, sich die attraktivsten Standorte zu sichern. Doch erst zu Beginn des neuen Jahres, wenn die Treuhand über die Vergabe der größeren Läden entscheidet, wird sich herausstellen, was die Kooperationen wert waren. "Vorleistungen wie Schulung und Fortbildung", klagt Rewe-Chef Reischl, "werden nicht honoriert." Die Treuhand entscheidet nämlich nach Preisgeboten. Edeka-Chef Horst Neuhaus warnt deshalb davor, der Goldgräberstimmung zu erliegen: "Man darf nicht alles, was verfügbar ist, in die DDR werfen. Auch in der Altbundesrepublik darf die Sorgfalt nicht nachlassen." Denn so ein bombastisches Jahr wie dieses, da sind sich die Händler einig, dürfte sich so schnell nicht wiederholen.