Der Todesstreifen an der ehemaligen Grenze ist verschwunden

Von Gisela Dachs

Herleshausen/Lauchröden, im Dezember

Mindestens eine Gewohnheit haben die Männer in Lauchröden aus ihrem ehemaligen Sperrzonendasein beibehalten: Wenn ein Gast das Wirtshaus „Zur Krone“ betritt, macht er zuerst die Runde im Lokal und klopft zur Begrüßung mit der Faust sachte auf alle schon besetzten Holztische. Die Tradition stammt noch aus der Zeit, als im Ort zwangsläufig jeder jeden kannte. Denn bis vor einem Jahr ähnelte das 900-Seelen-Dorf in Thürigen einem Freiluftgehege, in das kein Fremder hineinkam. Die Bewohner brauchten Passierscheine, um in den nächsten Ort zu gelangen; sie konnten nur Verwandte ersten Grades zu Hause empfangen. Besucher aus dem Westen durften überhaupt nicht nach Lauchröden kommen, das im 500 Meter breiten, eingezäunten „Schutzstreifen“ an der innerdeutschen Grenze lag.

Nur knapp tausend Meter entfernt liegt das hessische Nachbardorf Herleshausen. Zwischen beiden Orten fließt die Werra, die Staatsgrenze verlief in der Flußmitte. Die ersten Häuser von Lauchröden stehen unmittelbar am Ufer. Das Wasser wirkte wie ein Magnet: anziehend für die Bundesbürger, die in Touristenbussen an die Werra strömten, um dem Sozialismus mit dem Fernglas ins Schlafzimmer zu schauen, abstoßend für die Lauchrödener, denen es verboten war, sich dem Ufer zu nähern. Der schmale Fluß verlief jahrzehntelang zwischen zwei Welten, die nie in Kontakt miteinander traten.

Jetzt kommen die Herleshauser wieder wie früher abends auf ein Bier nach Lauchröden. Wie früher schreiten sie die schnurgerade Lindenallee entlang, ehe sie die Brücke überqueren, die sie seit dem 23. Dezember 1989 wieder mit ihren Nachbarn verbindet. Das Datum der feierlichen Einweihung hat jeder im Kopf. Hier wird öfter vom Wiederaufbau der Brücke gesprochen als vom Fall der Mauer. Schon seit dem vorigen Jahrhundert hatte eine steinerne Brücke die beiden Dörfer verbunden, bis sie in den letzten Kriegstagen 1945 gesprengt wurde. Dann kam der Kalte Krieg; die Werra symbolisierte das Ende der Welt.

Wüßte der Besucher nicht, daß hier der Eiserne Vorhang noch bis vor einem Jahr die Landschaft zerschnitten hatte, er würde es nicht merken. Zäune und Stacheldraht sind verschwunden, das ehemalige Niemandsland lädt zum Wandern im Schnee ein, auf den Straßenschildern in Herleshausen wurden alle Grenzhinweise sorgfältig überklebt. Das Ende der Welt ist mit einem Mal zum Herzen Deutschlands geworden.