Lothar de Maizière gibt auf, doch er will Klarheit in der Sache „Czerny“

Von Christian Wernicke

Ostberlin, im Dezember

In „der Sache“ blieb alles offen. Ob der Berliner Rechtsanwalt Lothar de Maizière für die Staatssicherheit die Evangelische Kirche selbst. zelt hat, das wußte auch nach dem Montag dieser Woche niemand außer dem Beschuldigten selbst. Und der beteuert weiterhin seine Unschuld, moralisch wie juristisch. Politisch jedoch ist „der Fall de Maizière“ erledigt: Der Minister trat zurück, der stellvertretende CDU-Vorsitzende läßt seine Parteiämter ruhen. Eine steile Karriere, fast von Beginn an auch die Karriere eines Verdachts, ist beendet.

Das gut einjährige Wirken dieses zähen, wiewohl stets etwas bläßlichen Politikers geht in die Geschichtsbücher ein; sein jäher Sturz wird nun, zumindest als Fußnote, nachgetragen. Als letzter Ministerpräsident der DDR bewältigte Lothar de Maiziere seine einzige Aufgabe – die Aufgabe des zweiten deutschen Staates – anfangs mit Würde, zuletzt mehr mit Wehe. Dabei verdrängte dieser Architekt der deutschen Einheit seine Rolle als Mitglied jener kirchlichen Gegen-Elite, die vormals in schwierigen Verhandlungen der Partei- und Staatsdiktatur Kompromisse, Freiräume und politische Gefangene abzuringen versucht hatte. Unabhängig von jeder juristischen Schuld, unabhängig von der endgültigen Klarheit über die Verdächtigungen gegen seine Integrität läßt sich sagen: De Maizière ist nie ganz unbelastet an die Arbeit gegangen.

Der Sohn einer angesehenen Familie, der leidenschaftliche Bratschist, hatte sich der Politik bereits ausgeliefert, als er Anfang der siebziger Jahre – wegen eines Nervenleidens im Arm – zu den Bedingungen sozialistischer Gesetzlichkeit von der Musik zum „einzigen christlichen Anwalt in Berlin“ umschulen mußte. Dabei, wie er ebenfalls über sich selbstironisch bemerkte, „im Stande der Unschuld“ zu bleiben war im Grunde unmöglich, zumal er sich systemimmanenter Verantwortung stellte – seit 1986 gar als Vizepräses der Synode des Bundes der Evangelischen Kirchen. Wie weit seine Zugeständnisse in dieser Zeit gingen, das hat de Maizière nie sagen wollen.

Dieses Schweigen verhinderte nicht nur die für einen Neuanfang nötige Entlastung, es wurde – je länger und häufiger die Stasi-Vorwürfe in Bonn oder Berlin kursierten – selbst zur Belastung. Ob erpreßbar oder nur verstrickt, Lothar de Maiziere befreite sich nicht mit offenen Worten, sondern ließ sich von der Vergangenheit in Fesseln legen. Einsilbig über die eigene Vergangenheit, zudem sehr zögerlich im Umgang mit den Staatsbürokratien, ließ er es zu, daß sich der Verdacht wie ein schleichendes Gift verbreitete.