Von Jürgen Krönig

London, im Dezember

Margaret Thatcher beugt sich besorgt über John Major, der auf einer Bahre liegt. Bei der Programmierung müsse etwas völlig schiefgelaufen sein, meint sie: Ihr Geschöpf werfe mit Geld für die Obdachlosen um sich und stammle etwas von einer klassenlosen Gesellschaft. Vor allem aber spreche es mit den tückischen Europäern, ohne Schaum vor dem Mund zu haben. In dieser Eröffnungsszene der satirischen Puppenshow Spitting Image löst die abgetretene Premierministerin das Problem auf einfache Weise: Nach einem kräftigen Schlag mit dem Holzhammer sprudelten aus dem Mund des Marionetten-Premiers die Glaubenssätze der Eisernen Lady.

Die Wirklichkeit beschert Margaret Thatcher kein solches Erfolgserlebnis. John Major mag ihr Kronprinz gewesen sein, aber schon in der ersten Fragestunde im Unterhaus teilte er ungefragt mit, er sei "sein eigener Herr". Bei seinem Debüt auf der europäischen Bühne lieferte der frischgebackene Premier eine Kostprobe seiner Eigenständigkeit, die seine Kollegen angenehm überraschte und britische Diplomaten geradezu in Verzückung versetzte.

Besser hätte der EG-Gipfel in Rom aus britischer Sicht nicht verlaufen können. Die Rolle des Spielverderbers fiel nicht, wie in all den Jahren zuvor, dem Regierungschef aus London zu. Diesmal sorgte der verärgerte Jacques Delors für Mißklänge, als er eine "politische Krise" androhte, falls Großbritannien oder andere Staaten die Verhandlungen über die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion hintertreiben sollten. Die Drohung des Präsidenten der EG-Kommission rundete für John Major die Rom-Begegnung ab: Wer vom Buhmann Delors angegriffen wird, kann aus der Sicht konservativer Europagegner so falsch nicht handeln.

Die elf EG-Partner haben dem umgänglichen Neuling aus London nichts Ungebührliches zugemutet. London brauchte sich noch nicht auf das Ziel einer europäischen Währung und einer Zentralbank zu verpflichten. Im Gegenzug ließ die britische Regierung durchblicken, daß sie ihren "harten Ecu" als Brücke zu einer gemeinsamen europäischen Währung und nicht als Alternative dazu versteht. Major unterschrieb auch ein Kommuniqué, das Margaret Thatcher nicht akzeptiert hätte, tauchen darin doch Bekenntnisse zur sozialen Dimension der Gemeinschaft und zu stärkeren Befugnissen des Europäischen Parlaments auf. Andererseits hätten die elf der Eisernen Lady gar nicht eine leicht verwässerte und entschärfte Erklärung zugestanden.

John Major hat den Bonus, mit dem ein neuer Regierungschef rechnen darf, klug genutzt. Wo Frau Thatcher auf Konfrontationskurs ging, gibt er sich verbindlich und kompromißbereit. Ihr hartes "Nein" ersetzt er durch ein elegantes "Ja, aber" oder "im Augenblick noch nicht". Der Ton ist anders geworden. Äußert sich der neue Premier zu Europa, gehen ihm Worte wie "gemeinsam", "konstruktiv" und "Dialog" leicht von den Lippen. Da der Ton so oft die Musik bestimmt, dürfen die EG-Partner damit rechnen, daß sich auch die Substanz der Politik ändert.