Von Andreas Nohl

Das Geheimnis um den Dichter Edgar Allan Poe ist gelüftet: Der frische Wind der Erkenntnis hat den Staub aus seiner Gruft aufgewirbelt, endlich sind alle Tatsachen seines Lebens exhumiert, die Gerüchte florieren vogelfrei. Der Literaturwissenschaft, der beuteseligen, fällt es zu, über jedes Stäubchen, das in der Luft schwebt, die Käseglocke einer Doktorarbeit zu stülpen. Der Dichter, der Ehemann, der Trinker, der Reaktionär, der Spieler und der Sportler: Wir haben ihn mit unseren kurzsichtigen Augen unter die Lupe genommen. Da liegt er säuberlich präpariert unter unseren Zuordnungen und Zumutungen – lebendig begraben.

Im Grunde hat sich nicht viel geändert: Schon immer hat das Leben Poes, wenn nicht seine Lebensführung, den Blick auf sein Werk verstellt. Es begann mit dem posthumen Rufmord des Reverend Griswold, der Baudelaire zu der bestürzten Frage veranlaßte: „Gibt es denn in Amerika keine Verordnung, die den Hunden das Betreten des Friedhofs untersagt?“ Desweiteren haben Psychoanalyse und Sozialpsychologie den Fall, der ein Sturz war, zur Profilierung genützt, um dem toten Dichter Impotenz, Mordwünsche und Wahnsinn zu bescheinigen. Noch Anfang der zwanziger Jahre, in der Hoch-Zeit der amerikanischen Prohibition, machte sich ein Buch mit der originellen Behauptung interessant, Poe sei Alkoholiker gewesen. Der Präsident von Yale, ein Mann mit Namen Hadley, begründete seine Weigerung, Poe in die Ruhmeshalle der Universität aufzunehmen, kurz und bündig: „Poe schrieb wie ein Säufer und jemand, der seine Schulden nicht zu bezahlen pflegt.“

Wir versuchen vergeblich, uns vorzustellen, wie ein Mann schreibt, der seine Schulden nicht bezahlt. Selbst T. S. Eliot geht mit der gravitätischen Arroganz eines neuenglischen Literatur-Predigers über Poes Werk hinweg. Der „Oxford Dictionary“ ist seine Bibel, aus der er dem Dichter den nicht dudengerechten Gebrauch einzelner Wörter nachweist. Er deklariert Poes Bildung, die fürwahr von eindrucksvoller Universalität war, als oberflächlich; ja, er entblödet sich nicht, von Poes „Intellekt“ und wahlweise auch von seiner „Gefühlsentwicklung“ zu sagen, sie seien „vor der Pubertät (...) zum Stillstand gekommen“. Und so resümiert er das Ansehen, das Edgar Allan Poe hundert Jahre nach seinem Tod bei angelsächsischen Kritikern genoß: „Wir sehen in Poe einen Mann, der in Versen und mehreren Arten von Prosa dilettierte, ohne daß ihm in irgendeiner Gattung etwas wirklich Bedeutsames glückte.“

Man müßte über alldem verzweifeln, wenn es nicht das große Beispiel des Verständnisses und der Liebe gäbe, mit dem Frankreich dem zu Lebzeiten und im Tod verstoßenen Dichter geistiges Exil gewährt hat. Bis heute ist der Aufsatz von Charles Baudelaire über Poes Leben und Werk die tiefste Annäherung an den amerikanischen Dichter, die wir kennen. Bereits ihr humaner Rang verweist all das oben Aufgeführte in den Bereich primitiver und böswilliger After-Rezeption. Mit Mallarmé und Valéry sind die beiden anderen Exponenten genannt, die Poe zum inspirateur des französischen Symbolismus, mithin zum Begründer einer neuen Dichtungs-Theorie erhoben haben. Denn, was vielleicht noch nicht hinreichend bekannt ist: In Poes theoretischen Schriften findet zum ersten Mal eine Ablösung der klassischen Disziplin Ästhetik durch eine Theorie des künstlerischen Schaffensprozesses statt. In diesem genauen Sinn trifft das zum Klischee geronnene Wort zu, Poe stehe am Beginn der literarischen Moderne.

Seitdem Arno Schmidt zu Beginn der siebziger Jahre sein Hauptwerk „Zettel’s Traum“ mit eingehendsten Studien zu Poes Leben und Werk annotierte, seit die Poe-Werkausgabe im Walter-Verlag (1966 – 1973) mit den Übersetzungen von Arno Schmidt, Hans Wollschläger und anderen erschien, seit der umfassenden Poe-Biographie von Frank T. Zumbach von 1986 nimmt Deutschland an der Resurrektion Poes teil. Und also begrüßen wir, verwundert, bereits eine neue Ausgabe ausgewählter Werke, diesmal aus dem Insel-Verlag Anton Kippenberg in Leipzig kommend, dort 1989 verlegt, jetzt im westdeutschen Insel Verlag nachgedruckt.

Es ist eine solide, schön gestaltete Ausgabe, die Günter Gentsch herausgegeben hat. Sein (zuweilen bemühtes) Vorwort ist im ganzen fair und wohlinformiert. Wie von selbst stellt sich seine Auswahl dem Vergleich mit jener 1966 im Walter-Verlag begonnenen Ausgabe, die zehn Jahre später im Taschenbuch-Reprint einen großen Erfolg erlebte.