Michael Roemers "Komplott gegen Harry"

In amerikanischen Komödien hetzen die Akteure durch Zeitungsredaktionen, jagen Raubkatzen im Park und sprechen so schnell, daß man ihnen kaum folgen kann Fiese Monster aus dem Weltall fressen die Filmleinwand, wahrend Ehepaare sich mit Bulldozern bekämpfen und winzige Italiener ihre Mutter aus dem Zug werfen Dazwischen tauchen nackte Madchen auf, raffi nierte Attacken auf unser Lustzentrum Amerikanische Komödien sind ein atemlos montierter visueller Großangriff, eine Schockbehandlung, der wir uns rituell aussetzen wie einer Fahrt mit der Achterbahn auf dem Oktoberfest

Nichts davon in "Komplott gegen Harry", einer bedachtigen, penibel recherchierten Milieu Studie in grobkörnigem Schwarzweiß Harry Plotnick, Jude und Kopf eines New Yorker Spielersyndikats, wird aus dem Gefängnis entlassen und auf eigenem Territorium von der Mafia ausgebootet Bevor die Familie seiner Exfrau, die judische Gemeinde und die Loge der Mystischen Ritter vom Geheimen Orden ihn als aufrechten Burger in ihre Mitte nehmen, muß er wieder in den Knast – unschuldig, versteht sich

Dieser Harry Plotnick ist der traurigste Gangster von New York, ein loser ein sucker und schwer von Kapee Ein Ritter von der ganz, ganz traurigen Gestalt Als Regisseur Michael Roemer seinen Film 1969 den Bossen von Columbia Pictures vorführte, hat keiner gelacht Zwanzig Jahre lang lag der Film auf Eis und kommt jetzt eher durch Zufall doch noch ins Kino

Michael Roemers New York ist ein multikulturelles Irrenhaus, kein bißchen freundlicher als das Gefängnis, aus dem Harry (Martin Priest) gerade kommt Er laßt sich im Auto durch die Stadt fahren, telephoniert und holt seine Gesprächspartner an Straßenecken ab Sein Cadillac ist sein Büro Zwei großbusige Madchen laufen vorbei – aber die Kamera benutzt sie nur für einen Schwenk auf einen Leichenwagen Ein Sarg wird eingeladen

Den Mafia-Boß Salvator Natale trifft man beim Grillen in der Vorstadt Es riecht nach Tupperware-Party Neckische Fransen baumeln von riesigen Sonnenschirmen Das Dekor ist klassisch Währenddessen wird beim koscheren Catering-Service von Harrys Exschwager Leo Perlmutter (Ben Lang) eine Bar-Mizwa nach der anderen zelebriert Harry hat die Familie seiner früheren Frau gerade bei dem Versuch wiedergetroffen, Leos Wagen von der Straße abzudrängen Jetzt kauft er das Geschäft für fünfundfünfzigtausend Dollar, bevor ein seelenloser Konzern es bekommt In der Küche werden die Messer für die nächste Beschneidung sterilisiert

Schuldgefühle sind ein wesentlicher Teil jüdischen Empfindens Harry Plotnick, als Gangsterboß vom Gluck verlassen, gerat in einen Strudel von Wiedergutmachungen Im Radio erniedrigt er sich als "ehemaliger Spieler", um dem Rabbi zu gefallen, der den Verkauf der kosher cuisine genehmigen muß Damit der Verlobte seiner Tochter Millie einen Job bekommt, laßt er sich von ihm für eine Illustrierte photographieren Vor den Kameras einer Fernsehshow bricht er zusammen, auf dem Weg ins Krankenhaus gesteht er aus reiner Gutmütigkeit ein Verbrechen, das er nicht begangen hat Sein Ende naht, da ist es eh schon egal Als er wider Erwarten weiterlebt, muß er ins Gefängnis "Kommst du mich sonntags besuchen’" fragt er seine Exfrau Kay (Maxine Woods) "Nein", sagt sie Harry Plotnick hat alles richtig gemacht und alles verloren Familien können gnadenloser sein als die Mafia