Die herrschende politische Klasse: gefräßig, monoton und unfähig, die Zukunft zu gestalten

Von Antje Vollmer

Als Oskar Lafontaine im Vorwahlkampf zum Rock ’n’ Roll aufspielen ließ, waren die Bands für viele SPD-Genossen noch zu provokativ. Den jüngeren dagegen erschienen die älteren Herren Zeltinger und Maffay schon wie wildgewordene Väter. Zu neu und zu alt ist unsere Musik. Zu früh und zu spät ist unsere Politik. In diesem Zwischenstadium haben wir uns immer befunden. Wir wollten immer ein bißchen zu hoch hinaus und sind immer ein bißchen zu tief gefallen. Darin ähnelt das politische Schicksal von Oskar Lafontaine dem der Grünen – Ikarus-Zwillinge.

Wolf Biermann hat in einem seiner schönsten Prosa-Texte über den "Fall des Dädalus" nachgedacht, über den Fall dessen, der nie stürzt, sondern immer auf der erfolgversprechenden Mittelmaß-Höhe bleibt. Das ist so eins dieser mythischen Vorbilder im Generationenkrieg, das wir Generation um Generation mit lebenden Akteuren immer neu inszenieren: "Auf der einen Seite Ikarus, der ungehorsame Sohn, das abschreckende, das lehrreiche Beispiel: Nicht zu hoch hinaus, es geht übel aus." Auf der anderen Seite Dädalus mit seinem untrüglichen Überlebensinstinkt. "Wie ist es gekommen, daß nicht Dädalus, der geflügelte Vater, ein geflügeltes Wort geworden ist, wohl aber Ikarus, sein entflügelter Sohn?" fragt Wolf Biermann. Schöne Frage. Schließlich bleibt doch der Abstürzende, Ikarus, der Inbegriff für den Traum vom Fliegen. Selbst Fluggesellschaften werben mit ihm, dem Abstürzenden. Auch in unserer Phantasie drängelt er sich immer vor oder dazwischen, der Ikarus.

Jetzt aber will ich doch über Dädalus nachdenken, über unsere Nachkriegs-Dädalusse und über die Bedingungen ihres Falls. Denn fallen müssen sie. Nach diesem Jahr, wo so viel gepurzelt ist, nach diesem Wahlkampf, wo sie so viel gesiegt haben, sind sie nun dran. Wenn eine politische Generation mit einem solchen Appetit auf den historischen Kuchen sich dem Stadium der Übersättigung nähert, wenn die politische Kultur zur Monokultur wird, dann wehrt sich was; so viel Einerlei verträgt weder die öffentliche Kultur noch die Natur der Gemeinwesen.

Der kategorische Imperativ für die Opposition, den Machtwechsel als Generationenwechsel zu vollziehen, war deshalb auch das heimliche Unterthema in diesem Jahr der deutschen Einheit. Es war das eigentliche Wahlkampfthema. Daß dies auch von den Medien zu spät erkannt und benannt wurde, gehört zu den bedrückenden Aspekten dieses Jahres und dieser Wahlauseinandersetzung. Es ging nämlich nicht nur um die "Kosten der Einheit". Es ging auch um die Generationenkosten im neu entstehenden Deutschland, es ging auch um die Frage, wer das Recht hat, das Gesicht dieser neuen Republik zu prägen. Diejenigen, die schon mal so frei waren, einer ganzen Etappe Nachkriegsdeutschland ihren Stempel aufzudrücken, deren Geist durchweht jetzt auch den Anfang der neuen. Man riecht, schmeckt, fühlt und begreift es allenthalben. Die neue Republik war schon am 3. Oktober, am Tage ihrer Geburt, ein bißchen abgestanden und früh vergreist.

Das Wort vom Generationenwechsel ist oft mißverstanden worden und erzeugt viele Aufgeregtheiten. Frau Noelle-Neumann und die FAZ rechnen peinlich genau aus, daß die ganz jungen Wähler doch beileibe nicht zur SPD, sondern zur CDU gegangen seien. Herr Augstein, der immergrüne Schelm, läßt als Replik auf die These, die deutsche Einheit habe etwas mit den "Träumen der alten Männer" zu tun, ausrichten, am Ende dieses Jahrzehnts seien Günter Grass und ich diejenigen, die ganz schön alt aussähen. Aha. Als Eigentor und politischer Selbstmord gilt, an so etwas überhaupt zu erinnern, wenn doch die Mehrheit der Wähler satt über fünfzig ist. Selbst Willy Brandt soll sich merkwürdig pikiert geäußert haben, ob denn ein "Alter" wie er noch mitwählen dürfe. Gerade diese Reaktion Willy Brandts und die Rolle, die er offensichtlich bei jener sagenumwobenen Präsidiumssitzung der SPD gespielt hat, als Oskar Lafontaine seinen Abschied nahm, hilft ein Mißverständnis auszuräumen. Schließlich, und man wundert sich kaum noch, soll Willy Brandt hörbar mit dem Gedanken gespielt haben, selbst noch einmal für höchste Ämter anzutreten.