Annäherung von sehr weit her. In meiner Geburtsstadt, die damals Chemnitz hieß und inzwischen wieder so heißen darf, stand in der Eingangshalle des Hauptbahnhofs an die Wand geschrieben und mit unübersehbarer Fraktur: Chemnitz – das Tor zum silbernen Erzgebirge. Mir ist, als seien da außerdem ein paar Koniferen gemalt gewesen, einen Bergkamm zierend, farbig und al fresco, aber mein kindliches Gedächtnis mag mich täuschen.

Das Erzgebirge war jedenfalls nahe. An manchen Sonntagen fuhr ich, meine Hand in der meines Vaters, nach Augustusburg oder nach Olbernhau oder nach Seiffen. Ich habe keine sehr präzisen Erinnerungsbilder an diese Ausflüge. Ich weiß, daß wir manchmal den Omnibus benutzten, manchmal die Bahn. Ich weiß, bunte Häuser standen an sonderbar schrägen Straßen, und ich erinnere mich an fettes Grün, an Streulicht, an hohe braune Baumstämme.

Oder an Vorweihnachten. Irgendwo standen illuminierte Buden. Ich meine, daß es der Platz vor dem Rathaus gewesen ist, der mit den Denkmalen von Kaiser Wilhelm, Kanzler Bismarck und Feldmarschall Moltke. Laute Musik floß aus blechernen Verstärkern und konnte die leisen Töne nicht fortspülen, jene von Glasglöckchen und jene aus den eigensinnigen Spieluhren mit ihren immergleichen Weihnachtslied-Strophen. Es gab Zuckerwatte, kandierte Äpfel und Heringsbrötchen, es roch nach Zimt, nach gebrannten Mandeln, es gab die Stände mit den Nußknackern, den Pyramiden und den Holztieren.

Solche Stände gehörten Händlern aus dem Erzgebirge. Sie boten außerdem jene kleinen Figuren feil, die man in der Taille öffnen konnte, um ein Räucherkerzchen darin zu plazieren. Der aromatische Rauch des glimmenden Kegels stieg im Innern empor und suchte sich seinen Weg durch die kreisrunde Mundöffnung der Figur, die, um den Effekt zu rechtfertigen, eine lange dünne Tabakpfeife in Händen hielt. Wir in der Stadt nannten das ein Räuchermännel. Am Orte seiner Herstellung hieß es Schmökmann.

Dieser Ort trug im Regelfall den Namen Seiffen oder den Namen Schneeberg. Die andere Dialektbezeichnung für das geschnitzte Männlein weist zudem aus, daß es hier immer eine Sprachlandschaft aus eigener Tradition gegeben hatte. Das Erzgebirgische ist vom gewöhnlichen Sächsisch grundverschieden, es benutzt sonderbare Vokalverschiebungen, die etwa dazu führen, daß aus dem hochdeutschen Wort Heimat das erzgebirgische Wort Hamit wird.

Das Erzgebirge, das deutsche, wird begrenzt vom böhmischen Erzgebirge, vom Elbsandsteingebirge, vom Vogtland. Es mißt etwa vierzig Kilometer in der Breite und hundertvierzig Kilometer in der Länge. Seinen Namen hat es von den metallhaltigen Gesteinen, die hier gefunden wurden. Das Wort vom silbernen Erzgebirge, das ich im Chemnitzer Hauptbahnhof las, hatte in der Tat mit dem Edelmetall zu schaffen.

Es wurde, wie die Geschichtsbücher aussagen, erstmals im Jahre 1163 gefunden. Die herbeieilenden Bergleute stammten aus dem Harz, wo man bei Goslar schon seit dem 10. Jahrhundert Erze abbaute. Damit begann eine langwährende, wechselseitige Zuarbeit der beiden deutschen Mittelgebirge, denn im Hochmittelalter, als man auf dem Oberharz in die Erde zu graben begann, wurden wiederum Bergleute aus dem Erzgebirge geholt. Die Dialektspuren, die sich von damals erhalten haben, kann man in Clausthal-Zellerfeld bis heute hören.