In der ehemaligen DDR droht der gesamte Osthandel zusammenzubrechen

Von Nikolaus Piper

Kleiner Grenzverkehr im dritten Monat der deutschen Einheit: Montag morgen, kurz nach halb neun, donnert der IC 698 Johann Sebastian Bach an Stacheldraht, Sichtblenden und Wachttürmen vorbei durch den verlassenen ehemaligen DDR-Grenzbahnhof Gerstungen. Der bis auf den letzten Platz besetzte Intercity von Frankfurt nach Leipzig bringt den neuen Bundesländern ihre Entscheidungsträger: Leihbeamte für Gerichte und Länderverwaltungen, Manager und Consultants für die Exkombinate oder einfach Leute, die in Deutschlands wildem Osten Geld verdienen wollen. Kurze Zeit später passiert der D-Zug 452 aus Erfurt in Richtung Westen, die Abteile überfüllt mit meist jungen Leuten. Viele von ihnen fahren zur Arbeit – nach Bad Hersfeld, Kassel oder nach Frankfurt am Main.

Ein Pendlerverkehr wie überall im vereinten Deutschland: Westliche Führungskräfte kommen – meist vorübergehend – in den Osten; junge, gutausgebildete Facharbeiter aus dem Osten suchen ihr Heil im Westen. Da die innerdeutsche Grenze verschwunden ist, macht dieser Übersiedlerstrom keine Schlagzeilen mehr, für die neuen Bundesländer ist er deshalb nicht minder bedrohlich. Wenn die Leistungsfähigen abwandern und nur noch jene zurückbleiben, die im Westen keine Arbeit finden, dann droht der Osten wirklich Deutschlands Mezzogiorno zu werden.

Wolfram Liedtke, Geschäftsführer der Automobilwerke Eisenach GmbH (AWE), wo – noch – 6900 Menschen das DDR-Traditionsauto „Wartburg“ herstellen, klagt: „14,7 Prozent des Facharbeiterpotentials Eisenachs ist bereits nach Hessen abgewandert.“ Kein Wunder – bei AWE bekommt ein Facharbeiter 1500 Mark brutto, fünfzig Kilometer weiter westlich das Dreifache. „Je unsicherer die Lage hier wird, desto schwerer wird es, die Leute zu halten“, meint Liedtke.

Und die Lage ist zur Zeit so unsicher wie noch nie seit der deutschen Währungsunion. Denn neben all den Fährnissen bei der Anpassung an die Marktwirtschaft müssen die früheren Volkseigenen Betriebe jetzt auch noch ein Debakel auf scheinbar vertrautem Terrain erleben: Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird der Handel mit dem wichtigsten Partner der alten DDR, der Sowjetunion, zum Jahreswechsel zusammenbrechen. Und damit geraten auch renommierte Betriebe in einer vergleichsweise zukunftsträchtigen Region wie Thüringen an den Rand des Abgrunds.

Zur Vorgeschichte: Die DDR wickelte den größten Teil ihres Außenhandels im Rahmen des Rates für gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) auf Basis der Papierwährung Transferrubel ab. Faktisch handelte es sich dabei um einen überdimensionierten Tauschhandel für Waren, für die sich auf dem Weltmarkt sonst kein Abnehmer fand. Als die DDR am 1. Juli die D-Mark einführte, sicherte die Bundesregierung den DDR-Handelspartnern „Vertrauensschutz“ zu – sie garantierte die Erfüllung der alten Lieferverpflichtungen und ließ sich das in den vergangenen sechs Monaten 1,5 Milliarden Mark kosten.