Heute leben auf der Welt 5 300 000 000 Menschen. In fünfzig Jahren wohl doppelt so viele. Ökokollaps und Armutskriege drohen. Ein zweiteiliger Bericht über Bevölkerungswachstum und Geburtenkontrolle.

Von Michael Sontheimer

Zwischen den Reisfeldern, die noch von den braunen Fluten des Monsunregens bedeckt sind, erheben sich sanfte Hügel, auf denen Lehmhäuser dicht beieinanderstehen. Brütende Hitze liegt über dem fruchtbaren Land. „Allah akhbar“, krächzt der Imam aus dem Lautsprecher der Moschee, Gott ist groß. Bärtige Männer in weißen Gewändern schreiten bedächtig auf schmalen Wegen zum Mittagsgebet. Die Frauen, die leuchtend rote und grüne Saris und Schleier tragen, sitzen in den staubigen Höfen der Häuser und schüren das Feuer in den Lehmöfen. Und überall laufen die Kinder herum, braune Kinder jeglichen Alters. Die kleinsten sind nackt, die größeren tragen zumindest löchrige Hosen, ihre älteren Brüder schon Hemden. Viele Kinder haben aufgeblähte Bäuche, ein Zeichen für Mangelernährung, andere sind spindeldürr.

Rund dreitausend Menschen leben in Bhuyam, einem Dorf fünfzig Kilometer östlich von Dhaka, der Hauptstadt der Volksrepublik Bangladesch. Mehr als die Hälfte von ihnen ist jünger als fünfzehn Jahre. „Wenn wir uns weiter so vermehren wie bisher, sehe ich schwarz für die Zukunft“, sagt Bauddhin Bhuyan, einer der reichsten und gebildetsten Männer des Dorfes. „Als ich ein Kind war, in den vierziger Jahren“, erinnert sich der freundliche Mann mit dem grauen Schnurrbart, „besaßen die Bauern noch viele Kühe. Heute ist gar kein Platz mehr für Kühe und Weiden.“ Wenn damals ein Fest für das ganze Dorf ausgerichtet wurde, erzählt er, hätten weniger als vierhundert Kilo Reis ausgereicht, um alle zu bewirten. „Heute brauchen wir viertausend Kilo, zehnmal soviel wie früher.“

Die Bewohner von Bhuyam können sich nur noch sechs Monate pro Jahr selbst versorgen. Mehr als Reis und ein wenig Gemüse zusätzlich einzukaufen, können sich die meisten nicht mehr leisten. Zwei Drittel der Familien sind inzwischen landlos. Immer wieder wurde der Familienbesitz unter den Erben aufgeteilt, bis für jeden nur noch ein Fleck übrigblieb, auf dem nur eine Lehmhütte Platz findet. Wem es gelingt, eine Parzelle zu pachten und sie für einen Zins in Höhe der halben Ernte zu beackern, darf sich glücklich schätzen. Viele Landlose versuchen, als Rikschafahrer zu überleben oder in einer der Jutefabriken Arbeit zu finden.

„Bhuyam war einmal ein glückliches Dorf“, sagt Bauddhin, „es gab genug Land für alle. Heute versinken wir immer tiefer in Armut.“ Auch das Leben der Kinder ist zunehmend durch die Armut geprägt. „In meiner Jugend begannen wir mit sechzehn Jahren zu arbeiten“, sagt Bauddhin, „heute müssen die meisten schon mit acht ihre Familie unterstützen.“

Mindestens fünfzig Kinder drängen sich vor den beiden offenen Türen von Bauddhins Haus und starren mit großen schwarzen Augen herein. Wo werden sie ihre Häuser errichten, wenn sie selbst eine Familie gründen wollen? Wo soll der Reis angebaut werden, mit dem sie ihre Kinder ernähren? Wo werden sie hingehen, wenn sie hier nicht mehr überleben können?