Von Fredy Gsteiger

Als der Führer der schwedischen Konservativen, Carl Bildt, vorige Woche feierlich von einer "historischen Stunde für unser Land" sprach, tat er dies vor einem halbleeren Reichstag. Die meisten Abgeordneten verfolgten die Debatte über das Beitrittsgesuch Schwedens zur Europäischen Gemeinschaft über das Hausfernsehen in ihren Büros. Erst zur Abstimmung eilten sie herbei. Das Ergebnis war dann aber beeindruckend: Neunzig Prozent wünschten, daß die Stockholmer Regierung in Brüssel anklopft.

Die Kehrtwende der Schweden erfolgt jäh. Zweifel daran, wie tief sie gründet, sind deshalb angebracht. Noch im Frühjahr versuchte Ministerpräsident Ingvar Carlsson in langen Aufsätzen zu erklären, warum sein Land keinesfalls der EG beitreten könne. Beim Parteitag der Sozialdemokraten im Herbst klang es dann völlig anders: Einer Mitgliedschaft stünde eigentlich wenig im Wege. Selbst die Zentrumspartei begrüßte den Beitrittsantrag. Ist ihre Klientel, die schwedische Bauernschaft, umgekippt? Werden bald auch die finnischen Holzfäller und die norwegischen Fischer ihre Brüsselphobie aufgeben?

Jahrzehntelang spielten die Skandinavier ihre Sonderrolle am Nordrand des Kontinents, nahe bei Europa – und ihm doch nicht ganz zugehörig. Weniger in blauen Augen, blonden Haaren und einer Schwäche für Hochprozentiges sahen sie ihre Besonderheit, vielmehr in unterschiedlichen und – was immer gedacht, aber selten gesagt wurde – höheren politischen Werten. Ein Staat, der sich in allen Belangen um seine Bürger kümmert, scheint ihnen überlegen. Lange Zeit blieb Europa deshalb nur Urlaubsziel und Fluchtort vor der heimischen Prohibition.

Mit dem Vorpreschen der Schweden schwinden die Chancen für fruchtbare Verhandlungen zwischen EG und der Europäischen Freihandelsvereinigung Efta über einen europäischen Wirtschaftsraum. Wien und Stockholm sind bereits aus der Efta-Einmütigkeit ausgeschert, Oslo dürfte unter seiner weltoffenen Regierungschefin Gro Harlem Brundtland folgen, und die Finnen, deren Osthandel zusammenbricht, schielen ebenfalls nach Westen.

Eine Rumpf-Efta, bestehend aus der Schweiz und Island, böte bloß noch Anlaß zu Spott. Wie redete doch der am vergangenen Donnerstag verstorbene, um markige Worte nie verlegene Schweizer Dichter Friedrich Dürrenmatt seinen eidgenössischen Landsleuten ins Gewissen? "Wer wie wir wirtschaftlich so tüchtig mithurt, kann politisch nicht als Jungfrau auftreten."

Der europäische Wirtschaftsraum entpuppt sich somit bestenfalls als bequem ausgestatteter Wartesaal bis zur Abfahrt des Europazuges. Noch vor kurzem hatte zwar EG-Kommissionspräsident Jacques Delors betont, bis zur Jahrhundertwende bleibe der Klub geschlossen. Sein Glückwunsch an die Schweden zu deren Beitrittsabsicht kann aber sehr wohl als Aufweichen dieser Haltung verstanden werden, zumal Deutschland, Italien, Großbritannien und Dänemark ohnehin für eine offene EG eintreten.