Wem das Radioprogramm nicht gefällt, der sucht sich heute einfach einen anderen Sender. Damals stritten die Zuhörer noch um ihre Musik.

Es ist die Stärke und die Schwäche des Rundfunks, daß er eine Institution für alle ist. Stärke, weil es kaum eine andere publizistische Einrichtung gibt, die auf so breiter und sicherer materieller Basis ruht. Schwäche, weil alles und nichts gewissermaßen dasselbe ist; woraus sich ergibt, daß es dem Rundfunk kaum je möglich sein wird, es seinen Hörern recht zu machen. Daher er denn auch immer eingeklemmt bleibt zwischen den Vorwürfen der einen Seite: Die Programme seien zu seicht, und denen der anderen: Die Programme seien zu schwer. Zwischen diesen zweierlei Ansprüchen eine „gerechte“ Mitte zu finden, die beide Parteien befriedigen müßte, wird immer wieder versucht; aber es kann gar nicht gelingen, weil es sich um zwei unvereinbare Welten handelt. Die beiden Seiten unterscheiden sich jedoch nicht allein durch Niveau, Geschmack und innere Haltung, sondern auch durch die Art ihres Reagierens auf die Enttäuschung. Die geistig Anspruchsvolleren sind die Bescheideneren: Sie ziehen sich grollend zurück und nehmen, geduldig zuwartend, die wenigen Gelegenheiten wahr, bei denen auch sie Vergnügen an den Gaben des Lautsprechers haben können. Die anceren schimpfen laut und öffentlich in Briefen und Zeitungsartikeln und pochen darauf, daß sie für ihre 2 DM monatlich verlangen dürften, das Programm zu diktieren. Sie sprechen der Gegenseite – die ja nicht weniger bezahlt – das Recht ab, in gleichem Maße auf ihre Kosten zu kommen. Meist argumentieren sie mit der „Zumutung“, die es bedeute, den Hörer in den Stunden seiner Entspannung mit „schweren“ Programmen zu „langweilen“. Nie würde ihnen der Gedanke kommen, daß die anderen (nicht weniger beruflich Angestrengten) sich vielleicht bei dem entsetzlich langweilen, was ihnen, den Beschwerdeführern, so angenehm die Zeit verkürzt. Sie glauben naiv, etwas Eindeutiges zu sagen, wenn sie „mehr Unterhaltung“ fordern, und ahnen nicht, daß den anderen etwa die „Kunst der Fuge“ die unterhaltsamste Sache von der Welt ist, während sie – jene anderen – sich bei gewissen Schlagertexten und -melodien in ein Heim für geistig unterentwickelte Kinder versetzt fühlen und vom horror vacui gepackt werden.

Jeder, der in der Publizistik steht, macht die Erfahrung, daß die Zustimmung wortkarger ist als die Ablehnung; daß sie sich überhaupt selten und dann nicht so laut und öffentlich außen. Das ist manchmal bedauerlich. Dem Publizisten bleibt dabei immerhin die Genugtuung, die Stimmen zu wägen, nicht zu zählen. Diese Genugtuung ist auch der Musikabteilung des NWDR sicher, die letzthin wegen zu vieler ernster Sendungen (in der Bußtags- und Totensonntagswoche!) massiv attackiert wurde. Sie wurde für die Ernte des Mißfallens, die ihr zu jeder Jahreszeit beschert wird, entschädigt durch manche Zuschrift, die ihr vor allem für die (von den Unterhaltungsfreudigen besonders verabscheuten) 25 Bachsendungen dankte, mit denen der NWDR den mächtigsten aller Großmeister der Musik in seinem Gedenkjahr ehrte. Er erfüllte damit eine Verpflichtung, der er sich schlechthin nicht hätte entziehen können; aber er erfüllte sie so, daß es keineswegs wie eine Pflichtleistung wirkte. Vielmehr boten diese Veranstaltungen in ihrer durchdachten Planmäßigkeit, der Qualität ihrer künstlerischen Durchführung und der Verbindlichkeit ihrer Aussage ein Musterbeispiel dafür, was der Rundfunk als Instrument der geistigen Anregung wie der Erhaltung und Verbreitung unseres Kulturbesitzes zu wirken imstande ist, ohne daß ein noch halbwegs selbstbewußter Mensch sich dadurch geschulmeistert fühlen müßte. Dies war entschieden eine hochverdienstliche Tat, der die Anerkennung zu versagen eigentlich als genierlich empfunden werden sollte. A-th