Gestorben ist sie an der Kälte: Klara Heydebreck, 72 Jahre alt, Rentnerin, ledig. In der Grünthaler Straße, Berlin Wedding, Vorderhaus, kleiner Eingang, vierter Stock, wird sie von Feuerwehrleuten und Polizei gefunden: im Sessel liegend, angezogen, den Kopf über die Rückenlehne gebeugt.

Sechsundfünfzig Jahre hat das Fräulein Heydebreck in dieser Wohnung gelebt: ein Zimmer, ein Balkon, eine Küche, zwei Weltkriege, Inflation, Währungsreform, drei kleinere Reisen. Harz, Riesengebirge, Spreewaldfahrten. Immer allein.

Sie war siebzehn, als sie einzog, fast dreiundsiebzig, als sie starb. Ihre Miethausnachbarn wußten nichts von ihr. Am 18. September 1910 wurde sie konfirmiert. „Selig sind, die reinen Herzens sind.“ Matthäus 5, Vers 8. Klara Heydebreck ist strebsam, im Zeugnis nur Einsen und Zweien. Sie beginnt als Lehrmädchen im Kontor bei der Wäsche Confektion Kirschstein in Berlin.

„Wandle froh die Bahn des Lebens“, schreibt die Mutter ihrer Tochter ins Poesiealbum. Sie wird Werkstattschreiberin, ist fleißig, hungrig auf Bücher, Musik, Museen, Kunst. Nach der Arbeit belegt sie an der Humboldt-Hochschule Vorträge, lernt Schreibmaschineschreiben, Kurzschrift, Englisch, Französisch. Steigt auf, wird kaufmännische Angestellte, Buchhalterin, Kontoristin, Lohnbuchhalterin. Die Schwestern heiraten, sie bleibt allein mit der Mutter in der winzigen Wohnung. Sie besucht Malkurse, singt in großen Chören, modelliert, zeichnet. Dann kommen die Jahre der Wirtschaftskrise. 1932 wird sie wegen der Arbeitseinschränkungen entlassen. Deutschland hat sechs Millionen Arbeitslose. Klara Heydebreck lebt zweieinhalb Jahre von 8,40 Rentenmark Stempelgeld in der Woche. Nach Abzug der Miete bleiben ihr für jeden Tag 47 Pfennige zum Leben.

In sieben Kapiteln verdichtet Eberhard Fechner dieses Leben, das nur Aufgabe, nur Pensum, dessen Ende gescheiterte Hoffnung ist. Fechners Erzählung ist Suche, Rekonstruktion, Gespräch, Beschreibung. Vor allem deshalb so ergreifend, weil sich aus Daten, Briefen, Augenzeugenaussagen und Aufzeichnungen scheinbar selbstverständlich ein bestürzend genaues Portrait fügt. Fechner ist meisterhaft kurz, bestechend einfach im Stil, ohne jede Affektation.

Fechner, der als Filmemacher, Autor, Regisseur und Chronist des 20. Jahrhunderts ein bis dahin im Fernsehen unbekanntes Genre erfunden hat – den Filmessay – bleibt auch als Schriftsteller seinem Stil treu. Er verknüpft leise, beharrlich, mit unnachahmlicher Präzision das Dokumentarische mit dem Erzählen. Ihm gelingt, auf nur 150 Seiten eines schmalen Bändchens ein ganzes Leben einzufangen. Ein Leben, dessen Sehnsucht nach Liebe, Schönheit, menschlicher Wärme und Würde in Resignation und Kälte zerbrach. Ein verlorenes Leben, dessen allerletzter furchtbarer Ausweg Suizid heißt. Mit Klara Heydebrecks Lebensweg beschreibt Fechner viel mehr als das einzelne Schicksal eines „übriggebliebenen Fräuleins“. Diese Erzählung ist ein Stück Zeitgeschichte dieses Jahrhunderts. Ute Blaich

  • Eberhard Fechner: