ARD, montags am 3. 10. und 17. Dezember: "Total normal"

Er ist der Clown, der nicht weiß, welchen Witz er zuerst machen soll, weil er sie alle parat hat. Er kann sein Kindergesicht zerknautschen und wahlweise wie ein Affe, ein Engel oder ein Damenschneider aussehen. Er kann alle Dialekte und schafft sogar Kreuzungen aus Kölsch und Westfälisch. Er kann Leute nachmachen – also Vorsicht, Parodie! Er kann blitzschnell sein und schildkrötenmäßig, er kann den Zappler und die Statue vom Dienst. Er kann singen, moderieren, blödeln. Und alles live.

Unter diesen Umständen ist es ein Wunder, daß er sich überhaupt entscheidet und mit irgend was, sagen wir einer satirischen Conference, anfängt. Dann fällt ihm aber gleich ein, daß es besser wäre, jetzt zu singen – gesagt, getan. Mitten im Song überkommen ihn die Grimassen, und das Ganze endet womöglich mit bodennahen Konvulsionen. Schwer zu sagen, ob das immer alles so geplant ist oder halt so kommt. Ist auch egal, Hauptsache, es geht nonstop immer tiefer in den speziellen Hape-Kerkeling-Nonsense: schrill, absurd und infantil.

Wenn man als Komiker dermaßen überdeterminiert ist wie Hape Kerkeling, kann man nichts mehr im klassischen Sinn "machen". Man kann sich nur irgendwie durchmogeln. Dieser Schelm steht vor der unendlichen Menge möglicher Scherze, und anstatt den besten auszuwählen, probiert er die nächstliegenden durch, dabei sich und uns bedeutend, daß wir ja wohl allesamt bescheuert seien, uns über so einen Quatsch zu amüsieren. Kaum ist die Pointe explodiert, hält der Kerl sich die Ohren zu.

Manchmal sitzt man nur da und stiert auf den Effekt wie auf eine Erscheinung, besonders dann, wenn er von begnadeter Doofheit ist. Eine Kerkeling-Spezialität ist der Running Gag mit den falschen Namen. Paul Kuhn wird so lange als Paul Kühn vorgestellt, bis es lustig ist. Im Grunde ist das ein alter Trick, aber bei Kerkeling wirkt er nicht routiniert, sondern absurd. Auch die Mitropa-Kaffeemaschine (Sponsoring diesmal ohne Schleichwerbung), die es zu gewinnen gibt, kommt alle fünf Minuten ins Bild und zur Sprache, vom Clown mit gebührender Begeisterung ausgelobt – möchten Sie nicht auch eine haben? Schön rot sind die Dinger und reichen für achteinhalb Tassen.

Regelmäßig überfällt der Komiker mit Kamera und Team Prominente, beispielsweise bei einer Bambi-Verleihung. Er verteilt seinerseits Bambis, und das gleich korbweise. Oder er mischt die Bundespressekonferenz auf, indem er wissen will, wo seine Steuergelder bleiben, was ihm aber Johnny Klein auch nicht sagen kann. Diese Eulenspiegeleien in ihrer kalkulierten Fast-Peinlichkeit sind Spitze, weil sie so saublöde sind. Leute im D-Zug dazu zu bringen, daß sie eierlaufen (als "Unterhaltungsprogramm in der Ersten Klasse"), das schaffen nur Kinder. Oder Kerkeling.

Man könnte jetzt sagen, der Kerkeling ist ein Anarcho-Clown, ein wandelnder Kalauer oder ein deutscher Jerry Lewis. Es gibt auch Gründe, ihn hochleben zu lassen, weil er das TV-Programm veräppelt. Aber was soll’s. Definitionen, Vergleiche, Verdienste – letztlich trifft das immer nur den halben Kerkeling, und die andere Hälfte macht derweil wieder irgendwelchen "Wahnsinn!" ("alles live") und gewinnt womöglich die letzte Kaffeemaschine. Denn dieser Knabe, wirklich, "nimmt aber auch jeden Job an".

Barbara Sichtermann