Von Marie-Luise Hauch-Fleck

ZEIT: Herr Keim, die Zuschauer desertieren scharenweise von ARD und ZDF zu den privaten Sendern. Macht Ihnen das keine angst?

Kelm: Ich würde das nicht „desertieren“ nennen. Ich kann aber verstehen, daß Zuschauer etwas Neues „beschnuppern“ wollen. Jeder Bäcker, der in seiner Straße einen neuen Laden als Konkurrenz bekommt, wird zumindest für eine Weile weniger Brötchen verkaufen.

ZEIT: Dies hat aber – wie für den Bäcker – auch für die ARD unmittelbare finanzielle Konsequenzen: Sie bekommt weniger Geld. Zum Teil sind die Werbeeinnahmen dramatisch zurückgegangen. Ein probates Gegenmittel scheint nun die Gebührenerhöhung zu sein. Gemunkelt wird sogar von einer Anhebung um zehn Mark. Dabei beträgt die monatliche Gebühr jetzt schon neunzehn Mark. Warum ist so wenig vom Sparen die Rede?

Kelm: Gebühren werden immer die Hauptfinanzquelle sein. Aber man kann natürlich auch sparen. Beispielsweise, indem man die Struktur der Landesrundfunkanstalten – ihre Zahl und Größe – einmal überdenkt. Man kann sparen, indem man innerhalb der ARD Schwerpunkte bildet. Und man kann sparen, indem man sich in den einzelnen Häusern auch einmal Gedanken macht, ob der „Vorhaltebetrieb“, wie ich ihn immer nenne – jeder ist für alles gerüstet und gewappnet –, tatsächlich sein muß. Das ist doch ähnlich wie in der Krankenversorgung. In einem großen Universitätsklinikum muß einfach für alle Arten von Krankheiten, Unfällen und Katastrophen vorgesorgt werden; dafür braucht man hochspezialisiertes Personal und Gerät. Kleinere Häuser können das natürlich nicht leisten. Und ob die ARD-Anstalten neunmal oder sogar neun plus x-mal so ausgerüstet sein müssen, diese Frage ist sicherlich mit Nein zu beantworten.

ZEIT: Stehen Sie mit dieser Einschätzung nicht ziemlich allein innerhalb der ARD?

Kelm: Gewiß haben die Sparnotwendigkeiten im Hessischen Rundfunk meine Haltung beeinflußt. Zunächst heißt Sparen: Der Wasserhahn wird ein bißchen weniger weit aufgedreht, die Glühlampen brennen nicht Tag und Nacht, das Filmmaterial wird nicht mehr meterweise rausgefeuert. All das haben wir schon hinter uns. Nun merken wir aber, daß es nicht genügt, um die Schere von Kosten und Einnahmen zu schließen. Das geht nur durch strukturelle Veränderungen.

ZEIT: Wie sollten sich denn die ARD-Anstalten – die neuen Bundesländer eingeschlossen – Ihrer Meinung nach zukünftig organisieren?

Kelm: Da wären sinnvollerweise der Norddeutsche Rundfunk mit den Ländern Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen; der Nordostdeutsche Rundfunk mit Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Berlin; der Südwestdeutsche Rundfunk mit Rheinland-Pfalz, dem Saarland und Hessen; der Mitteldeutsche mit Thüringen, Sachsen-Anhalt und Sachsen; der Süddeutsche Rundfunk mit Baden-Württemberg und – wie bisher – der Bayerische und der Westdeutsche Rundfunk.

ZEIT: Alle, die sich in der Vergangenheit über solche Strukturreformen Gedanken gemacht haben, sind völlig erfolglos geblieben.

Kelm: Es gibt nun mal Egoismen. Sinnvolle strukturelle Vorstellungen, die ökonomisch wären, sind in der Tat auch heute noch nicht durchführbar. Zahlreiche öffentlich-rechtliche Rundfunkhäuser und ihre Spitzen sagen: „Dieses ist nicht unser Bier, sondern das der Politik.“ Und die Politiker sagen: „Das kann überhaupt nicht entschieden werden, bevor es nicht eine Länderstrukturreform gegeben hat.“ Die aber ist genausowenig in Sicht. Damit haben sich zwei Unbewegliche aneinandergekettet und erschweren das Problem. In dieser wirklich festgenagelten Situation sollten wir diejenigen sein, die handeln. Ich traue uns letztendlich mehr zu als der Politik. Aber man muß vielleicht noch ein paar Jahre warten. Dann nämlich ist die Finanzlage bei einigen Anstalten so prekär, daß es gar keine andere Lösungsmöglichkeit mehr gibt.

ZEIT: Bis es soweit ist, jammert die ARD aber weiter lauthals über zuwenig Geld.

Kelm: Wenn die Rundfunkanstalten zusätzlich zu ihrem ohnehin weitgefaßten Programmauftrag beispielsweise bestimmte Satellitensysteme der Post mitfinanzieren sollen oder wenn sie auf Wunsch der Politiker mit einem europäischen Kulturkanal dem europäischen Integrationsgedanken auf die Beine helfen sollen, dann brauchen sie dafür zusätzlich Geld. Wenn die ARD sagt, wieviel, ist das doch kein Jammern.

ZEIT: Die Politiker wollen, aus welchen Gründen auch immer, vielleicht aus persönlicher Eitelkeit, bestimmte Dinge. Und zu all diesen Wünschen sagt die ARD: Wir haben kein Geld. Hoffen Sie denn, daß Sie es auf die Art vielleicht doch noch schaffen, die 20-Uhr-Werbegrenze zu knacken und sich damit eine zusätzliche Einnahmequelle zu erschließen, die Sie unabhängiger von Gebühren und damit auch von den Politikern macht?

Kelm: Wenn die Politiker von uns zusätzliche Leistungen wollen, müssen sie dafür sorgen, daß wir sie auch bezahlen können. Überraschenderweise gestehen die Politiker zur Zeit ein, daß eigentlich eine Gebührenanpassung kommen und vielleicht sogar zum 1.1. 1992 vorgezogen werden müßte. Aber dann wird die Gebührenanpassung nach der Art berechnet: 75 Pfennig für den europäischen Kulturkanal, 80 Pfennig für TV-Sat, 60 Pfennig für Rias-TV und Deutschlandfunk. Und 1,50 Mark für die neu entstehenden Rundfunkanstalten und ihre Integration. – Ja, und dann? Dann habe ich alles festgelegt, und für den eigentlichen Auftrag ist kein Geld mehr da. Das kann es nicht sein.

ZEIT: Also doch Werbung nach 20 Uhr?

Kelm: Gebühren allein reichen für all das ganz gewiß nicht aus. Sonst wären wir ganz schnell bei über dreißig Mark im Monat. Aber leider sinken ja auch die Werbeeinnahmen. Wir hatten früher bei der ARD im Durchschnitt ein Verhältnis von Gebühren zu Werbung von achtzig zu zwanzig Prozent. Das ist zurückgegangen auf achtzig zu fünfzehn. Das alte Verhältnis muß wieder hergestellt werden.

ZEIT: Wie hoch ist dieses Jahr der Einnahmeverlust in absoluten Zahlen?

Kelm: Das geht deutlich auf eine halbe Milliarde Mark zu. Mit der Ausdehnung der Werbezeit um 5 Minuten auf 25 Minuten oder aber der Aufhebung der 20-Uhr-Grenze könnte die ARD diesem Einnahmeverlust aus eigener Kraft gegensteuern, ohne die Gebührenzahler zu belasten. Allerdings sind Gebührenanpassungen auch in Zukunft unverzichtbar. Aber noch über eine weitere Möglichkeit muß man nachdenken: die Verteilung der Gebühren zwischen ARD und ZDF. Im vereinten Deutschland gibt es ein öffentlich-rechtliches Rundfunksystem, das nur gewinnt: das ZDF. Voraussichtlich bekommt das ZDF 240 Millionen Mark mehr, nämlich 30 Prozent der zusätzlichen Fernsehgebühren aus Ostdeutschland. Gleichzeitig aber sind die Zusatzbelastungen vergleichsweise gering: Das ZDF muß vielleicht drei Regionalstudios und ein paar Büros einrichten, während die ARD neue Rundfunkanstalten aufbauen muß. Wenn der ARD dann die Gebührenerhöhung nicht reicht oder durch die Gebührenerhöhung und den Mitnehmereffekt das ZDF immer reicher wird, muß ich die Verteilung von gegenwärtig 70 (ARD) zu 30 (ZDF) ändern.

ZEIT: Die ARD hat durch das größere Ausstrahlungsgebiet doch auch erheblich mehr Einnahmen.

Kelm: Bei uns bleibt das Geld bei den neuen Anstalten. Das ist der Unterschied zum ZDF. Beim ZDF aber fließt alles direkt nach Mainz.

ZEIT: Das heißt, das ZDF soll weniger, beispielsweise nur noch zwanzig Prozent der Fernsehgebühren bekommen?

Kelm: Ja, da könnte man den neuen Schlüssel ansetzen.

ZEIT: Der ZDF-Intendant Dieter Stolte wird nicht begeistert sein.

Kelm: Das ist er jedesmal nicht, wenn er das hört. Er kennt das schon.

ZEIT: Die ARD hat durch diese Erweiterung doch auch Einsparmöglichkeiten. Zum Gemeinschaftsprogramm werden in Zukunft schätzungsweise zwanzig Prozent aus der ehemaligen DDR zugeliefert werden. Das heißt, in den Alt-ARD-Anstalten wird entsprechend weniger Personal benötigt, weniger Filmmaterial und ähnliches.

Kelm: Das ist sicherlich ein Einsparpotential. Aber wir produzieren in der ARD nicht nur das Gemeinschaftsprogramm. Wir produzieren fünf Dritte Programme, ein Satellitenprogramm, neun Vorabendprogramme und – oft gescholten – knapp vierzig Hörfunkprogramme. Sie reden nur vom ARD-Gemeinschaftsprogramm und seinen Kosten. Zugegeben: Auch das sind noch Summen, die zu diskutieren sind. Dann sinkt allerdings auch der Anteil einiger Rundfunkanstalten am Gemeinschaftsprogramm auf nur noch zwei Prozent. Deshalb habe ich vorgeschlagen, wir sollten Schwerpunkte bilden in der ARD. Rundfunkanstalten, die etwa im Fernsehspiel besonders gut sind, sollten einen größeren Anteil als den rein rechnerischen am Genre „Fernsehspiel“ haben, andere zum Beispiel beim Sport.

ZEIT: Wenn man sieht, wie der WDR mit Zähnen und Klauen seine Vorherrschaft in Bonn verteidigt, wie der SFB mit Zähnen und Klauen seine Alleinherrschaft über Berlin verteidigt, erscheint das kaum durchsetzbar.

Kelm: Ich hoffe auf den Zahn der Zeit und darauf, daß die Einsicht in die Notwendigkeit wächst.

ZEIT: Die Fakten sind doch jetzt schon da.

Kelm: Natürlich gibt es Anstaltsegoismen. Die lassen sich nur schwer überwinden. Allein schon deshalb, weil ein Intendant vor seinem Rundfunkrat, erst recht dann, wenn er zur Wiederwahl ansteht, erst einmal die Leistungen für sein Haus herausstellt, die er erbracht haben will, und nicht die Leistungen für die ARD. Erst wenn wir der ARD ein größeres Gewicht geben als Gemeinschaft und als Gemeinschaftsleistung, können die Eigenheiten der einzelnen Häuser etwas verringert werden. Vergessen wir nicht: Auch im dualen System ist die ARD Marktführer.

ZEIT: Als Sie Ihr Amt vor zwei Jahren antraten, war Ihr erklärtes Ziel, die ARD als Gemeinschaftsorganisation zu stärken. Was haben Sie denn auf dem Gebiet erreicht?

Kelm: Wir haben immerhin, was die Entwicklung in den neuen Ländern angeht, in vielen Fällen eine gemeinsame Haltung eingenommen. So haben wir Konditionen für die Aufnahme neuer Rundfunkanstalten in den ARD-Verbund. Und wir könnten daran auch einiges an Bedingungen knüpfen, zum Beispiel, daß sie finanzstark genug sind, um nicht zur Belastung zu werden.

ZEIT: Worauf stützen Sie denn Ihren Optimismus, daß ausgerechnet in der Ex-DDR die Politiker vernünftiger sind als im Westen des Landes?

Kelm: Weil sie neu anfangen. Unser System ist vierzig Jahre alt und hat Degenerationen und Verformungen – von Rundfunkanstalt zu Rundfunkanstalt verschieden stark – erlitten. Wenn in den neuen Bundesländern jetzt Leute sind, die sagen: „Uns ist das jetzt geschenkt, nachdem wir so ein miserables, verrottetes System hatten und praktisch Lautsprecher einer totalitären Partei waren“, dann wäre das vergleichbar mit dem Zustand nach 1945 bei uns, als nach dem Mißbrauch durch die Nazis gefragt wurde: Wie müßte Rundfunk denn eigentlich sein? Aber das ist eine Hoffnung. Die plitische Realität ist manchmal anders.

Textdokumentation: Josef Hrycyk