Von Viola Roggenkamp

Die Stimmung war beunruhigend harmonisch. Und kaum einer fehlte, als im Bundestag der Tagungsordnungspunkt 23 aufgerufen wurde. Ein Antrag der Grünen obendrein. Im Protokoll notierten die Schreiber Zwischenrufe wie „sehr wahr“ oder „sehr richtig“. Um Diäten ging es nicht. Es ging um „die Einwanderung sowjetischer Juden in die Bundesrepublik Deutschland“. Von Anfang bis Ende waren alle Parteien dafür. Man sprach sogar von „einer Renaissance jüdischen Geistes- und Kulturlebens“ in Deutschland. Als die Angelegenheit mit den Stimmen der Regierungsparteien CDU/CSU und FDP „federführend an den Innenausschuß“ überwiesen wurde, war allen klar: Der Innenausschuß wird so bald nicht tagen. Irgendwann nach den Wahlen, im Februar vielleicht. – Thema erledigt?

Juden wollen nach Deutschland. Sie fliehen vor angedrohten Pogromen aus der Sowjetunion und aus anderen osteuropäischen Ländern. Vor fünfzig Jahren, verfolgt und vertrieben von den Nazis, flohen sie mit ihren Familien aus Deutschland und den ehemaligen deutschen Ostgebieten über die Grenzen immer weiter nach Osten. Doch als Vertriebene werden sie heute in Deutschland nicht anerkannt. Viele haben das erfahren müssen. Wären ihre Eltern im Dritten Reich Mitglieder eines deutsch-nationalen oder völkischen Vereins gewesen, dann wären sie auch heute nach dem Bundesvertriebenengesetz gute Deutsche. Wäre der Vater in der SS gewesen, würde auch das als Bekenntnis zum „deutschen Volkstum“ gelten. Aber deutschstämmiger Jude zu sein reicht nicht. Im Gegenteil: Daß in den Pässen der sowjetischen Juden unter der Rubrik „Nation“ das Wort Jude steht, galt in der Bundesrepublik wie jetzt im wiedervereinigten Deutschland als Bekenntnis gegen das „deutsche Volkstum“. Auch das Asylrecht hilft den Juden nicht weiter, denn offiziell werden sie von keinem Staat verfolgt. Der Antisemitismus wirkt ja von unten wie von oben als Bewegung und braucht von keinem politischen Programm diktiert zu werden.

Und dennoch kommen sie nach Berlin, weil sie fliehen müssen und weil sie daran glauben, daß sich die Judenverfolgung in Deutschland nicht wiederholen wird. Was macht sie so sicher? „Die hohe Kultur der Deutschen“, ist die häufigste Antwort. 2000, vielleicht 2100 Juden kamen in diesem Jahr seit Mai. Ziel der Reise: Berlin-Mitte. Noch immer der toteste Winkel im Ostteil der Stadt. Riesige Baustellen, aber kaum Arbeiter; aufgerissene Straßen, Gruben, Gräben, wo einst die Mauer sich hochreckte und dreißig Jahre zuvor das Leben pulsierte. Inmitten dieser jetzt um- und aufgewühlten Ode zwischen halbfertigen Neubauten und vereinsamten Altbauten steht ein Haus: sauber und ordentlich, schwer und eckig, aus hellen Quadern errichtet, wuchtig, aber nicht hoch.

Einfach ist das Haus nicht zu finden. Und wer hat hier schon etwas verloren? Doch nun nähern sich von einer Seite drei Männer, und aus der anderen Richtung kommen zwei Frauen. Vor dem hell schimmernden Kasten verharren sie. An der Glastür klebt ein Zettel, auf dem mit Bleistift geschrieben steht: „Beratungsstelle für jüdische Emigranten“. Drinnen residiert ein Pförtner hinter einer Rezeption mit mehreren Telephonapparaten. Wer hätte das gedacht. Eine so feine Adresse.

„Ja, wer hätte das gedacht“, lacht Gregori und fährt sich mit beiden Händen durch das weiße Haar. Der große, schwere Mann steigt im Innern des Gebäudes langsam die breiten Stufen zum zweiten Stock hinauf. Oben beugt er sich stark atmend über das Geländer, blickt hinunter in die mächtig ausladende Halle und sagt auf jiddisch: „Wenn das Goebbels wüßte, daß jetzt ich hier in seinem Propagandaministerium die Stufen raufsteige. Aber auch ohne ihn werden wir es noch schwer genug haben in Deutschland.“ Dann dreht er sich um, zuckt die Achseln und geht wiegenden Schrittes einen langen Gang hinunter. Die Beratungsstelle liegt ganz am Ende; Zimmer 4143.

Gregoris Kinder sind vor ein paar Tagen in Berlin angekommen, aus einem kleinen Dorf bei Ternopol in der Ukraine. Illegal. Aber wie? „Teuer“, ist die Antwort. Für 1500 Mark (ein Jahresgehalt in der UdSSR) verkaufte ihnen ein Mann aus Dresden eine Einladung nach Deutschland. Ihren Gastgeber haben sie nie gesehen. Gregori kam schon vor dem 3. Oktober 1990 nach Ostberlin und besitzt darum das Recht auf ständigen Wohnsitz, den der DDR-Ministerrat „in Anerkennung der großen, historischen Schuld aller Deutschen“ sowjetischen Juden gewährte. Nicht so das wiedervereinigte Deutschland. Werden seine Tochter und sein Sohn bleiben dürfen?