Wenn die Welt endlich untergeht, kann der verlorene Mensch nur noch zweierlei tun – dem Gräßlichen ins Totenauge starren oder sich einfach gelangweilt abwenden. Ein letztes Mal etwas Großes vollbringen oder wenigstens reden, der Welt eine letzte Predigt halten. Oder sich ein letztes Mal heiter den Genüssen des Lebens hingeben. Ein letztes Gebet beten. Oder ein letztes Frühstück nehmen. Wenn die Welt untergeht, ist die Stunde der fleißigen Propheten und der faulen Narren gekommen.

Das römische Weltreich geht unter, unwiderruflich. Das finstere, das blutige Mittelalter steht leibhaftig vor der Tür, in Gestalt einer bewaffneten Germanenhorde. Zeit für den Römer, wie ein Römer zu sterben, den schönsten aller Heldentode, süß und ehrenvoll und so weiter.

Doch was sagt Roms letzter Kaiser in dieser wahrhaft welthistorischen Stunde? „Wenn dann die Germanen da sind, sollen sie hereinkommen.“ Die Weltgeschichte, so scheint es, ist ihm vollkommen gleichgültig – und erst recht seine eigene Rolle darin. „Ich möchte die Weltgeschichte nicht stören.“ Den Kaiser interessiert allein das bevorstehende Frühstück („Morgenessen“ nennt er es feierlich), ihn beunruhigt allein der mangelhafte Legeeifer seiner Hennen, denen er die Namen der Majestäten und Kriegshelden gegeben hat. Seinen Koch nennt er den „wichtigsten Mann“ seines Kaiserreiches – und deshalb wird er später „zum ersten Mal sichtbar erschüttert“ sein, wenn er auch den Koch in der Schar der Verschwörer und Attentäter entdeckt. Und wird dem Verräter die wahrhaft klassische Frage entgegenschleudern: „Koch, auch du?“

„Romulus der Große“, 1949 in Basel uraufgeführt, ist (bei den Göttern!) nicht Friedrich Dürrenmatts bestes Stück gewesen und schon gar nicht sein berühmtestes. Aber vielleicht sein heiterstes, humanstes und aufschlußreichstes – denn es enthält ein Selbstportrait des Dichters Dürrenmatt, das genauer besehen ein verwirrendes Doppelportrait ist, ein glitzerndes, springendes Vexierbild.

Der letzte Kaiser im Stück des jungen Dürrenmatt tritt auf wie ein Vor- und Doppelgänger des alten Dürrenmatt. Regieanweisung: „Seine Majestät ist über fünfzig, ruhig, behaglich und klar.“ Seine Majestät kann, der bitteren Weltlage zum Hohn, ganz unvergleichlich scherzen und plaudern, fast jeder Satz ein funkelnder Aphorismus – eine kleine Unsterblichkeit inmitten der hinfälligen Welt.

Also spricht Romulus: „Wer einen großen Skandal verheimlichen will, inszeniert am besten einen kleinen.“ „Wo die Hose anfängt, hört die Kultur auf.“ „Vaterland nennt sich der Staat immer dann, wenn er sich anschickt, auf Menschenmord auszugehen.“

Der Kaiser Romulus muß aber auch schon Friedrich Dürrenmatts Schriften zum Theater gekannt haben, denn wie sein Schöpfer befindet er kategorisch: „Wer so auf dem letzten Loch pfeift wie wir alle, kann nur noch Komödien verstehen.“ Auch Dürrenmatts berühmtestes Aperçu (das kein Nachrufer nicht zitieren darf) könnte schon des Kaisers kaiserlichen Lippen entschlüpft sein: „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmst-mögliche Wendung genommen hat.“