Gerhard Heini kann sich sehr gut vorstellen, eines Tages Berufspolitiker zu werden. Im Moment jedoch lebt er von seinem Gehalt als Mathematik- und Physiklehrer und hat für seine politischen Ambitionen sein Hobby aufgegeben: auf einem kleinen C64-Computer das Programmieren zu lernen. Wenn er jetzt aus der Chemie-Ingenieurschule „Justus von Liebig“ kommt – hier werden Fachschulingenieure, im westlichen Verständnis Techniker, ausgebildet eilt er in die Zentrale der CDU-Kreisleitung Magdeburg-Stadt; die befindet sich in der Wohnung eines herrschaftlichen Mietshauses aus der Jahrhundertwende.

Gerhard Heini bezeichnet sich als Altlast, denn er kam schon 1971 zur DDR-CDU. Damals wollte er nicht in die SED, sich aber dennoch politisch betätigen. Dem gläubigen Katholiken schien die Christlich Demokratische Union eine Alternative zu sein. Als junger Mann wurde der heute 44jährige herumgereicht, im damaligen CDU-Blatt Der neue Weg zu seinen Zielen interviewt, zum Stadtbezirksdelegierten gekürt und zum WBA-Vorsitzenden ernannt. Der „Wohnbezirksausschuß“ leitete die „Hausgemeinschaftsleitungen“ an, die wiederum ein Auge auf die Mieter haben sollten. In der Praxis ging es bei den WBA dann allerdings nicht so sehr um politisches Wohlverhalten und darum, ob zum 1. Mai und 7. Oktober auch ordentlich geflaggt wurde, sondern meist um Verbesserungen bei der oft katastrophalen Wohnsituation, um Selbsthilfe-Arbeitseinsätze, um Begrünung der Wohnhöfe oder darum, im Stadtbezirk kulturelle Einrichtungen zu schaffen. Meist kam jedoch organisatorischer Selbstlauf dabei heraus; ähnlich war es bei der Parteiarbeit. „Du hast da überhaupt nichts bewegt“, sagt Heini und schaut noch heute resigniert.

Daß er damals die gängige Parteiparole vertrat: Wir sind keine Kirchenpartei, sondern eine politisch arbeitende Partei, wird ihm heute von Neumitgliedern mitunter vorgeworfen. Dafür betont er nun immer wieder, daß er Christ und die CDU eine christliche Partei sei; außerdem redet er prononciert von den „Roten“ und von „Kommunistenzeiten“. Immerhin gesteht er auch ehemaligen SED-Mitgliedern zu, daß viele von ihnen einst mit der Illusion in die Partei eintraten, in der Gesellschaft etwas verändern zu wollen. Andererseits hatte Gerhard Heini Nachteile zu ertragen. Er durfte nicht promovieren, an verschiedenen Schulen, an die er gern gegangen wäre, nicht arbeiten, auch als Erzieher für den Strafvollzug wurde er abgelehnt, und an seiner Schule war der Begriff Christentum tabu.

Als Gerhard Heini vor 22 Jahren ins Berufsleben trat, erhielt er 460 Mark netto. Damals kauften er und seine Frau ein sechzig Jahre altes Zweifamilienhaus mit Garage und großem Grundstück am Stadtrand. Das kostete sie 20 000 Mark. Heute verdient er 1300 Mark und seine Frau knapp 900 Mark. Sie arbeitet im kleinen Handwerksbetrieb ihres Vaters, der bisher Aufbauten für Lkw herstellte, unter den neuen Bedingungen jedoch vom Konkurs bedroht ist. Gerhard Heini erhält monatlich Diäten: 75 Mark als Kreisvorsitzender der CDU und 160 Mark als Abgeordneter des Stadtparlaments. Seine Funktion als CDU-Fraktionsvorsitzender im Magistrat von Magdeburg ist ehrenamtlich. Die Diäten vertankt Gerhard Heini: Er hat sich an Stelle des Trabant einen einjährigen Passat angeschafft und dafür einen Bar-Kredit von knapp 13 000 Mark aufgenommen. Was jeweils monatlich von den beiden Gehältern des Ehepaares übrigbleibt, dient zur Tilgung der Schuld. Gerhard Heini schätzt, daß die Familie für den Vier-Personen-Haushalt – seine Tochter ist sechzehn, sein Sohn dreizehn Jahre alt – monatlich knapp tausend Mark verbraucht. Darin sind alle Festkosten enthalten, die Aufwendungen für Lebensmittel sind eher gesunken.

Nach der Grenzöffnung haben die Heinls eine Rundreise durch die westlichen Bundesländer unternommen. Seitdem schwärmt Gerhard Heini von Bayern, von der Landschaft, der Ordnung und der Sauberkeit. Die Familie hat daraufhin beschlossen, in den nächsten zehn Jahren den Urlaub in Deutschland zu verbringen, erst danach wollen sie auch mal nach Italien oder Frankreich fahren. Als Traumreise bezeichnet Gerhard Heini eine Kreuzfahrt. Aber erst mal will er das Haus anstreichen lassen und in die Inneneinrichtung der sechs Zimmer investieren. Die beiden Wohnungen im oberen Stockwerk sind für jeweils dreißig Mark vermietet.

Gerhard Heini liest die MAZ, die Magdeburger Allgemeine Zeitung – ein Ableger der Hannoverschen –, die Bildzeitung und hin und wieder den Express; seinen Geschäftsführer hat er beauftragt, die FAZ auszuwerten. Seine nächsten politischen Ziele sind: alte SED-Hardliner wie den ehemaligen Kombinatsdirektor Oberländer aus dem Sattel zu heben – der ist inzwischen Hauptgesellschafter seines Maschinenbaukonzerns; gute Beziehungen zu den Kirchenvertretern der Stadt aufzubauen und die Polizei als Partner der CDU zu gewinnen – sie stand in der DDR der Partei bisher eher feindlich gegenüber. Heini hat einige Videokameras organisiert, die er demnächst den Ordnungshütern als Geschenk überreichen will, damit die besser gegen Hooligans gewappnet sind.