Wie gut, daß es noch die Amerikaner gibt. Einige ihrer Historiker, die sich in der jüngsten deutschen Geschichte auskennen, hatten die Idee, ehemalige DDR-Historiker mit westdeutschen Kollegen zusammenzubringen, um all die Defizite und Defekte einmal aufzulisten, welche die marxistisch-leninistisch ausgerichtete Geschichtsschreibung hinterlassen hat. Die Historische Kommission zu Berlin machte es möglich. Und wo könnte jene neue "Utopie der Vermischung", die Klaus Hartung in die bundesrepublikanische Seelenlandschaft eingeführt hat, eher konkret werden als in der Reichs-, Pardon: Bundeshauptstadt.

So saßen denn alle gemeinsam und friedlich um den Scherbenhaufen einer Wissenschaft herum, die wie keine andere für die politische Aufgabe präpariert wurde, das von der sowjetischen Besatzungsmacht über die sechzehn Millionen verhängte System zu legitimieren. Ein heikles Unterfangen in diesen Wochen der existenzbedrohenden Überprüfungen und Fragebögen, der Abwicklungen oder Auflösungen ganzer Institute. Kaum verhohlen die Selbstzufriedenheit auf den Gesichtern der freien Wissenschaftler auf der einen und die Schuldgefühle und Selbstzweifel der von der Geschichte widerlegten konformistischen Kollegen auf der anderen Seite. "Man kommt sich vor wie ein Affe im Käfig", flüsterte ein älterer DDR-Historiker, "die Leute reden über dich, und du hast keine Möglichkeit zu antworten." Dabei hätte er soviel Zurückhaltung gar nicht nötig, denn er hat in den Seminaren seinen Studenten die bahnbrechenden sozialhistorischen Forschungsergebnisse aus Westdeutschland nicht vorenthalten, sondern frei darüber diskutieren lassen.

Ohnehin wird man nach diesem ersten Versuch gegenseitigen Verstehens nicht länger die DDR-Historie als monolithischen Block betrachten können. Im Gehäuse der angepaßten parteilichen Wissenschaften war Platz für Nischen und Spielräume, zu denen Stalinisten und Stasi keinen Zugang hatten. Auch war die Rede von zahlreichen hervorragenden Dissertationen mit aufregenden Thesen, nur durften sie nicht veröffentlicht werden. Wenn Geschichtsstudenten – eine gewiß winzige kritische Minderheit – im vorigen Jahr in Leipzig auf die Straße gingen, so muß es wohl auch etwas damit zu tun haben, daß sie sich im Freundeskreis mit der "Ästhetik des Widerstands" von Peter Weiss oder den Erinnerungen des Renegaten Herbert Wehner beschäftigt hatten.

Der Harvard-Historiker Charles Maier, der auch hier mit originellen Denkanstößen brillierte, wies einen Weg aus den Verirrungen und Verstrickungen deutsch-deutscher Geschichtswissenschaft: Rankes Wort, daß der Historiker zeigen solle, wie es eigentlich gewesen sei, wandelte er ab: Man brauche eine DDR-Geschichte, "wie es eigentlich hätte anders sein können, eine Geschichte ohne triumphierenden Sieger". Den unverhofften Kollaps des kommunistischen Systems erklärte er sich aus den globalen wirtschaftlichen und politischen Krisen der siebziger Jahre; nur der kapitalistische Westen habe sie dank seiner Flexibilität besser bewältigen können.

Ebenso wie Politiker und Journalisten wurden auch Deutschlands Historiker von der Wiedervereinigung überrascht. "Wir haben die nationale Frage völlig unterschätzt", bekannte selbst eine Studentin aus der Leipziger Opposition. Obwohl sie den alten Herren im Politbüro immer gegenwärtig blieb, aber auch dem "Volk", das sich ein besseres Leben nur noch von der Einheit erhoffte, hatten sich die Historiker zu beiden Seiten der Mauer in der Zweistaatlichkeit eingerichtet und pragmatisch zusammengearbeitet. Der Berliner Sozialhistoriker Jürgen Kocka überraschte die Runde mit dem Eingeständnis, die nationale Zusammengehörigkeit der Deutschen habe sich als resistent erwiesen. Jetzt erst – 140 Jahre nach der gescheiterten Revolution von 1848 – sei es erstmals wieder möglich, national und liberal-demokratisch zugleich zu sein. Diese Erkenntnis will erst noch aufgearbeitet sein ... Karl-Heinz Janßen