Von Wolfgang Hoffmann

In der Ärztezeitung, dem Hausorgan der deutschen Mediziner, beklagte Eckhard Brüggemann, Vorsitzender der Fachverbände Deutscher Allgemeinärzte bitter das beschwerliche Schicksal seines Standes. "Wir werden miserabel bezahlt", erklärte der Doktor, dessen Kollegen sich mit durchschnittlich 150 000 Mark im Jahr offenbar mehr schlecht als recht durchs Leben schlagen müssen.

Brüggemanns Standesbruder Said Azzaui, der den Ausländischen und Eingebürgerten Ärzten Deutschlands vorsteht, schilderte das Los seiner Klientel noch dramatischer. Weil viele Mediziner nicht einmal mehr wagten, ihre Leistungen aus Furcht vor Regreß abzurechnen, sprach Azzaui von einem "Angriff auf die Solidarität der Ärzte".

Glaubte man den Herren im weißen Kittel aufs Wort, hätte das große Jahrhundertwerk des Bonner Arbeits- und Sozialministers Norbert Blüm, die 1988 verabschiedete Reform zur gesetzlichen Krankenversicherung, genau den Effekt gehabt, der gewollt war: drastische Kostensenkung im Gesundheitswesen.

Doch der Schein trügt. Zwei Jahre nach Inkrafttreten der Gesundheitsreform bestätigt sich vielmehr ein Trend, den Kritiker vorausgesagt haben. Denn mittlerweile steigen die Kosten wieder, nachdem sie zunächst deutlich gesunken waren. 1989 sammelten die Kassen einen Überschuß von beinahe zehn Milliarden Mark und konnten daher in diesem Jahr sogar ihre Beiträge etwas senken.

Allerdings eignet sich 1989 schlecht für einen statistischen Vergleich. Im Jahr zuvor lagen die Ausgaben nämlich besonders hoch. Weil die Versicherten ahnten, daß Blüm mit seiner Reform ans Eingemachte gehen würde, hatten sie 1988 noch einmal richtig zugeschlagen: Pillen und Brillen, neue Zähne und moderne Hörgeräte wurden angeschafft – nicht selten sogar auf Vorrat. Wer Zeit hatte, nahm rasch noch eine längere Kur. Ergebnis war, daß 1988 die Ausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung auf 135 Milliarden Mark anstiegen; "Blüm-Bauch" nannten Spötter die Ausbeulung in der Kostenkurve. Nach Bauch und Baisse wird jetzt eine neue Hausse befürchtet.

Doch zunächst ein Blick zurück. Bald nach Beginn der konservativ-liberalen Koalition nahm sich die Regierung eine gründliche Reform der gesetzlichen Krankenversicherung vor. Die Solidarversicherung, Ende des 19. Jahrhunderts von Bismarck begründet, schien von Nachfragern und Anbietern zunehmend als Selbstbedienungsladen mißbraucht zu werden. Patienten wie Ärzte schaukelten sich mit ihrem Anspruchsdenken gegenseitig hoch.