Von Carroll Bogert

MOSKAU. – Am Anfang war ich gegen die Lebensmittelhilfe für die Sowjetunion. Dann aber traf ich Lyudmila Aleksandrovna, Leiterin des Roten Kreuzes im Moskauer Bezirk Frunzensky. Ich fragte sie, ob ich den Rote-Kreuz-Wagen begleiten dürfte, während die Krankenschwestern die Lebensmittelpakete aus Deutschland in der Nachbarschaft verteilten.

Daraufhin sah sie mich an und fragte: "Sie haben also ein Auto?", und im Handumdrehen wurde ich für einen Nachmittag zur freiwilligen Helferin des Roten Kreuzes. Ich schleppte schwere Lebensmittelpakete durch triste Gänge, öffnete sie und nahm die Umarmungen und Danksagungen der überraschten, älteren Damen mit einem schlechten Gewissen entgegen. Zaghaft beteuerte ich, eine amerikanische Journalistin zu sein und kein deutscher Spender. Nachdem ich die kargen Behausungen und die kränklichen Gesichter ihrer Bewohner mit eigenen Augen gesehen habe, könnte ich niemals wieder sagen, diese Hilfe sei unnötig.

Aber die Lebensmittelhilfe behandelt ein imaginäres Krankheitsbild und lenkt dadurch die Aufmerksamkeit von einer tödlichen Krankheit ab. Das scheinbare Problem ist die Hungersnot, die es schlichtweg nicht gibt. Die Sowjetunion ist ein großes, reiches Land. Auch wenn dort immer noch das verheerende System des kollektiven Landbesitzes herrscht, produziert das Land ausreichend Lebensmittel.

Das wirkliche Übel liegt vielmehr in dem System der Verteilung, das inzwischen so weit heruntergekommen ist, daß die größte Ernte der sowjetischen Geschichte ganz einfach verfault. Und während die Sowjets jetzt vollauf damit beschäftigt sind, spezielle Ämter einzurichten, die die Pakete mit den westlichen Süßigkeiten bewachen sollen, verrotten in der Zwischenzeit ihre eigenen Produkte auf den Feldern und in den Lagerhäusern. Oder aber sie werden unter Tischen gehortet, um sie nach Ladenschluß durch die Hintertür zu verkaufen.

Was also wird geschehen, wenn all die deutschen Nudeln gegessen worden sind, das Land aber genauso krank vor sich hin vegetiert wie zuvor? Und die Spendenfreudigkeit genau dann erschöpft ist, wenn die Sowjetunion auf ihrem Tiefpunkt angelangt ist? Auf jeden Fall lenkt die Idee einer dringenden Lebensmittel-Hilfsaktion den Westen nur von Projekten ab, die den Bedürfnissen der sowjetischen Bevölkerung weit eher gerecht würden.

Anstatt haufenweise Pakete mit Instantkaffee zu packen, sollten wir lieber versuchen, der sowjetischen Wirtschaft eine feste Grundlage zu geben. Gegenwärtig muß Moskau etwa ebensoviel Getreide importieren, wie während der Erntezeit auf den Feldern und auf dem Transport vergammelt. Würde der Westen Getreidesilos und gekühlte Bahnwaggons den Sowjets schenken, dann wäre die Sowjetunion in wenigen Jahren nicht mehr auf unsere Hilfe angewiesen. Außerdem müßten dringend die Verkehrswege ausgebaut werden, um die Verteilung der Güter zu beschleunigen.