Bevor es andere – der Spiegel bereitet schon eine Story vor – an die große Glocke hängen, hier mein Geständnis: Auch ich war ein Stasi-Agent! Mein Deckname war „Flaxi“. Mein Führungsoffizier hieß „Karl“, mein Operationsfeld war diese Zeitung.

Ich habe von 1977 bis 1989 jedes Redaktionsgeheimnis an die Stasi verraten. In leichter Überschätzung meines Einflusses auf das Blatt wurde ich als Einflußagent eingesetzt. Als solcher erschien ich geeignet, weil sich die meisten Menschen durch meine harmlose Erscheinung – dabei hab’ ich’s natürlich faustdick hinter den Ohren – hinters Licht führen lassen.

Seit aber das Kind in den Brunnen gefallen ist – „Karl“ konnte den Mund nicht halten –, weiß man es besser. Um so höher rechne ich es den Kollegen an, daß sie mich bis zu meiner Beichte nicht haben fallenlassen und bis zu dieser Ausgabe zu mir hielten.

Jetzt ist natürlich Schadensbegrenzung angesagt. Eine Redaktionskommission wird prüfen: Was kann ich gewußt, was kann ich verraten haben?

Warum fiel niemandem mein Interesse an den Papierkörben in der Reiseredaktion auf? Warum erstaunten keinen meine Fragen von auswärts nach dem „Klima“ in Hamburg? Warum wurde meine Schreibwut bei den Planungskonferenzen ignoriert? Bei welchen Gesprächen auf höchster Ebene war ich „zufälliger“ Augen- und Ohrenzeuge?

Um den Kollegen einige Mühe zu ersparen: Die Protokolle jeder der sogenannten „Zwieback“- und der „Apfelsaft“-Konferenzen wanderten schnurstracks an „Karl“. Sowohl der Inhalt des Leitartikels wie des Aufmachers im Feuilleton waren der Stasi jeweils zweiundsiebzig Stunden im voraus bekannt.

Ich verriet auch vorzeitig die Lösung des Kreuzworträtsels im Zeitmagazin, für welches die Stasi ein rätselhaftes Interesse zeigte. Sogar den Wochenspeiseplan der Zeit-Kantine gab ich preis.