Riad, im Dezember

Wenn die Bedrohung am Golf nicht alles überschattete, hätte die Affäre wahrscheinlich Mord und Totschlag ausgelöst. Dennoch gehen die Wellen im frommen Saudi-Arabien noch immer hoch, seit Anfang November 47 Frauen, ordnungsgemäß verschleiert, im Auto-Konvoi durch Riad fuhren. Was andernorts höchstens chauvinistische Bösartigkeiten über Frauen am Steuer provozieren würde, führte in der saudischen Kapitale zu einer Haupt- und Staatsaktion. Sämtliche Fahrerinnen wurden auf Druck des „Komitees zur Ermutigung der Tugend und Verhinderung des Lasters“ (Mutawa) festgenommen. Der Vorwurf der Religionspolizei: Sie hätten gegen die Scharia, das im Lande geltende islamische Recht, verstoßen.

Seither hat die Auto-Demonstration immer neue Reaktionen ausgelöst. Erst einmal wurden die Damen, unter ihnen Lehrerinnen und eine Professorin, von ihren beruflichen Aufgaben suspendiert. Anschließend stellte die Geistlichkeit sie in einem Flugblatt namentlich als „Minderwertige“ (Dirnen) an den Pranger, „die für Laster und Verdorbenheit plädieren“.

Ihre „Vormünder“, Ehemänner und Väter, wurden in dem Flugblatt ebenfalls bloßgestellt. Hinter die Namen der Männer hatten die geistlichen Sittenwächter gleich ihr Verdikt gesetzt – „Kommunist“, „atheistisch“ oder „amerikanisch“. Welches der Stigmen als das schlimmste zu gelten hat, blieb indes offen. Deshalb wissen die Saudis bis heute nicht, was sie etwa vom Leiter der Abteilung für Verbrechensbekämpfung im Innenministerium, Hamad al-Marzouki („Kommunist“), zu halten haben, der als einer der Ehemänner gebrandmarkt wurde.

Der Innenminister selber blieb in diesem Skandal sprachlos. Er verwies auf die Kompetenz der Geistlichkeit. Im übrigen, meinte er, sei „das Wichtigste jetzt die Verteidigung des Vaterlandes“. Eindeutig hingegen verurteilte Ibn Baz, religiöser Ratgeber des Königs und noch vor zehn Jahren davon überzeugt, die Erde sei eine Scheibe, die Autotour. Er versprach gleichzeitig, eine im Moment besonders dringliche Frage zu klären: Dürfen die Frauen in der US-Army, wollte ein besonders sittenstrenger Moslem wissen, eigentlich auf saudischem Boden Auto fahren?

Um der Grundsatzdebatte die Schärfe zu nehmen, melden sich inzwischen auch mäßigende Stimmen. So stellte die Saudi Gazette fest, laut Koran seien „Männer und Frauen aus einer einzigen Person hervorgegangen“. Im übrigen stünde dort nichts über die Unterlegenheit oder Überlegenheit eines Geschlechts. Frauen, dies war wohl die Botschaft der Zeitung, sind auch Menschen – selbst wenn sie nicht ans Steuer dürfen. D.B.